Frédéric Bastiat: Einfache Geschichten entlarven absurde Politik

von Vincent Czyrnik

Frédéric Bastiat – für Hayek, von Mises oder Schumpeter einer der wichtigsten Ökonomen aller Zeiten – hat es bereits vor 200 Jahren geschafft, mit einfachen Geschichten über ökonomische Zusammenhänge aufzuklären. Seine Geschichten haben Kultcharakter und doch geraten sie manchmal in Vergessenheit. Dabei sind sie immer noch brandaktuell und zeigen zugespitzt und pointiert die Absurdität mancher politischer Forderung.

What is seen, what is unseen: Diese Idee bietet den Grundstein jedes ökonomischen Denkens und geht auf Bastiat zurück. Oftmals sehen wir nur die unmittelbaren Folgen eines Gesetzes: Der Mindestlohn führt zu besserer Bezahlung. Wir vergessen aber die Nebenwirkungen, die mittel- und langfristigen Folgen von Gesetzen: Der Mindestlohn führt zu mehr Arbeitslosigkeit. Die Politik reagiert mit neuen Gesetzen, die nun die Arbeitslosigkeit bekämpfen sollen, mit neuen Nebenwirkungen, die wieder bekämpft werden müssen, diese Gesetze haben wieder Nebenwirkungen …

Ludwig von Mises nannte das Phänomen Interventionismusspirale: Eine nicht enden wollende Kette von Problem – Einführung eines Gesetz dagegen – Gesetzt schafft neue Probleme – neues Gesetz zur Bekämpfung der neuer Probleme – neue Probleme – neues Gesetz – und so weiter. Schon Leonardo da Vinci erkannte dieses Phänomen mit den Worten: „Die meisten Probleme entstehen bei ihrer Lösung”.

Bastiats Geschichten überzeugen mit ihrer Einfachheit. Eine von ihnen erzählt von der Arbeitslosigkeit in der französischen Hafenstadt Bordeaux. Ein französischer Politiker sieht das Problem darin gelöst, die Gleisführung in der Hafenstadt zu unterbrechen. Die aus Paris kommenden Züge sollen von Arbeitern aus Bordeaux auf neue Schienen geladen werden, damit sie ihre Fahrt nach Spanien fortsetzen können. Zugpassagiere suchen in dieser Zeit Unterschlupf in Bordeauxer Hotels, essen in Bordeauxer Restaurants, trinken in Bordeauxer Bars. Die unterbrochene Gleisführung führt zu einer Flut neuer Arbeitsplätze in der Stadt.

Die Geschichte erinnert an die Arbeitsbeschaffungsmaßnahme im DDR-Stil. Warum die Gleise nur in Bordeaux unterbrechen? Auch andere Städte könnten der Idee folgen und damit auf wundersame Weise neue Arbeitsplätze in ihrer Stadt schaffen. Die Reise von Paris nach Spanien würden nun um ein vielfaches länger dauern, aber die Passagiere wären in den Städten wohlversorgt.

Ungesehen bleibt der massive Wohlfahrtsverlust. Geschweige denn würde kein Passagier die Reise von Paris nach Spanien mit der Bahn antreten, es gäbe schnellere und günstigere Alternativen. Auch der Güterverkehr würde auf andere Möglichkeiten ausweichen. Das Bahnnetz käme zum erliegen.

Eine andere Geschichte handelt von einem Jungen, der die Fensterscheibe seines Vaters zerbricht. Das Missgeschick ist für den Vater ärgerlich, doch steckt für den naiven ökonomischen Beobachter in dem Unfall etwas Gutes: Der Glaser, welcher mit der Reparatur zerbrochener Fensterscheiben sein Geld verdient, hat dank des Missgeschicks Arbeit. Sind also zerbrochene Fensterscheiben „gut“ für die Wirtschaft?

Herr Goodfellow, der Vater des Jungen, bezahlt für die zerbrochene Fensterscheibe 6 Francs. Er erhält dafür eine unversehrte Fensterscheibe. Wäre das Unglück nicht passiert, besäße Herr Goodfellow eine unversehrte Fensterscheibe und zusätzlich die 6 Francs. Mit diesem Geld hätte er sich etwas anderes kaufen können, beispielsweise gutes Essen oder Kleidung für die Familie. Der naive Beobachter, der in dem Unglück etwas Gutes sieht, vergisst die Opportunitätskosten – das Geld, was Herr Goodfellow entgangen ist.

Die Absurdität der Aussage, zerbrochene Sachen wie Fensterscheiben seien „gut“ für die Wirtschaft, lässt sich auch auf andere Bereiche übertragen. Nach dem zweiten Weltkrieg lag Deutschland brach und Schweiß, Kosten und Mühe wurden in den Wiederaufbau der zerstörten Städte gesteckt. Sicherlich profitierten die Industrien, die Reparaturarbeiten vollzogen. Gesamtwirtschaftlich aber profitierte „die Wirtschaft“ nicht von der apokalyptischen Kulisse deutscher Nachkriegsstädte.

Eine letzte Geschichte beinhaltet einen nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag: Die Hersteller von Kerzen, Straßenlampen, Talg, Harz, Alkohol etc. fordern eine Petition zur Schließung aller Fenster und Luken in Frankreich. Dadurch könne kein Sonnenlicht mehr in die Gebäude Frankreichs eindringen, sodass mehr Licht-erzeugende Produkte nachgefragt werden würden.

Die Unternehmen, die lichterzeugende Produkte herstellen, würden einen finanziellen Aufschwung erleben, wovon der Staat dank Steuern auch profitieren würde. So verrückt diese Forderung auch erscheinen mag, finden wir auch Analogie der Geschichte in der Gegenwart: Technischer Fortschritt im Zuge der 4. industriellen Revolution – der Digitalisierung – wird zunehmend einige Jobs überflüssig machen. Vereinzelt treten Forderungen auf, technische Innovationen zu verlangsamen oder zu verbannen. Das bewusste Aufhalten jeder Innovation als Lösung gegen den Arbeitsplatzverlust ist rückschrittlich und nur eine Scheinlösung.

Künstlich erzeugte Nachfrage, welche mithilfe geschlossener Luken und Fenstern oder verlangsamten technischen Fortschritts erreicht wird, schlägt sich auf die Gegenseite aus. Im ersten Fall auf die Konsumenten von Kerzen, Lampen etc. und im zweiten Fall auf die Arbeitgeber von überflüssigen Jobs, die die Kosten an die Konsumenten weiterleiten. Es müssen andere Lösungen gefunden werden, um den Kerzenmachern oder den Arbeitslosen im Zuge der Digitalisierung zu helfen.

Die Geschichte der Petition der Kerzenhersteller ist auch ein Argument gegen den Protektionismus. Zölle und andere Importhindernisse erhöhen künstlich die Preise der ausländischen Waren. Als Folge können inländischen Produzenten ihre Waren zu höheren Preisen anbieten, da sie keine Zölle für den Verkauf ihrer Waren zahlen müssen. Das klingt auf den ersten Blick ganz ok: Inländische Produzenten werden mehr verkaufen, wodurch Arbeitsplätze im Inland erhalten bleiben. Auf den zweiten Blick aber werden die inländischen Waren teurer: Die Konsumenten, also wir, bezahlen den höheren Preis, da wir auf die günstigeren ausländischen Waren verzichten müssen. Aus einer ökonomischen Perspektive bringt Protektionismus damit mehr Verlierer als Gewinner. Auch bringt Freihandel bzw. die Abkehr vom Protektionismus einen noch wichtigeren Aspekt mit sich: Den Frieden. Der britische Unternehmer Richard Cobden fand dafür folgende Worte: “Ich sehe im Prinzip des Freihandels das, was in der moralischen Welt wie das Prinzip der Schwerkraft im Universum wirken wird, was Menschen zueinander zieht und den Gegensatz von Herkunft, Glauben und Sprache beiseite stoßen wird und uns im Band des ewigen Friedens vereinigen wird.”

Unterbrochene Gleisführungen zur Erschaffung neuer Arbeitsplätze, zerstörte Fenster für den Wirtschaftsaufschwung und geschlossene Luken zur Unterstützung der Lichtindustrie: Frédéric Bastiat führt uns die Absurdität politischer Forderungen vor Augen. Oftmals wird zu kurz gedacht – und alle nicken ab. Deshalb gilt es zweimal nachzudenken, wie es uns der Wirtschaftsnobelpreisträger Kahneman empfiehlt, damit wir nicht in einer Interventionismusspirale à la Mises enden. Zu empfehlen ist, Bastiat selber nachzulesen. Sein Schreibstil mit seiner verblüffenden Einfachheit hat nicht nur ökonomischen Aufklärungswert, sondern ist auch literarisch ein Meisterstück.

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