„The Price Of Tomorrow.“ von Jeff Booth – Ein Buch mit hochaktueller Thematik

von Alexandre Kintzinger

Dieses Buch passt wie die Faust aufs Auge zum derzeitigen Zeitgeist. Um die durch die Covid-19 Pandemie verursachte Wirtschaftskrise zu bewältigen, wurden finanzielle Hilfspakete von den Staaten beschlossen, welche die schon ohnehin enorme globale Staatsverschuldung noch weiter ansteigen lassen. Das Wirtschaftswachstums der letzten Jahrzehnte  beruht auf dem von den Notenbanken konstruierten  System einer kontrollierten Inflation. Dieses wird aber ins Wanken gebracht durch das jetzige Chaos im Weltgeschehen: die Präsidentschaft Trumps, der Brexit und die Proteste für einen Wandel der Klimapolitik. Zudem die derzeit zu beobachtende Spaltung der Gesellschaft durch Populismus und Identitätspolitik wie auch die zukünftigen Ungleichheiten, die durch die aktuelle ökonomische Krise verursacht werden. Das macht es schwer, positiv in die Zukunft zu blicken.

Doch nach Jeff Booths Anfang dieses Jahres erschienenen Buch ist es die unausweichliche, durch den technologischen Fortschritt herbeigeführte Kraft der Deflation, die diesem System den Todesstoß versetzen wird. Jeff Booth ist schon seit Jahren als Unternehmer tätig. Der Kanadier ist Mitgründer von BuildDirect, einem Onlineshop für Heimwerkerbedarf. 2016 wurde er von Goldman Sachs zu den 100 faszinierendsten Unternehmern gezählt.

Deflation gilt nach weit verbreiteter Meinung generell als etwas Negatives. Das wird gut in einer Wirtschaftskrise sichtbar, wenn Menschen weniger Geld ausgeben, was die Preisstabilität ins Wanken bringt. Unternehmen laufen Gefahr insolvent zu werden, Kredite können nicht bezahlt werden und Investoren ziehen ihr Kapital ab. Die Notenbanken versuchen daher mit der aktuellen Politik aus kontrollierter Inflation und niedrigen Zinsen solche Entwicklungen möglichst gering zu halten.

Der technologische Fortschritt bringt uns nach dem Verständnis von Booth jedoch eine Deflation mit positiven Folgen. Der Autor führt Beispiele wie Laptops, Tablets, Handys oder andere elektronische Geräte an. Diese Produkte sind für Verbraucher heute erschwinglicher als in der Vergangenheit. Heute ist es zum Beispiel möglich, ein Smartphone für einen Preis von unter 100 Euro zu erwerben, das jedoch viel mehr kann als ein deutlich teureres Smartphone noch vor 10 Jahren. Auch das Internet verfügt über extrem deflationäre Kräfte. Google, Facebook und andere haben mit ihren digitalen Plattformen die Möglichkeiten der Verbreitung von Produkten und Informationen für Unternehmen, für Medien und sogar für Privatpersonen revolutionär verändert.  Der Einzelne kann nun mit Hilfe von sozialen Netzwerken kostengünstig Werbung und Marketing betreiben.

Eine andere Innovation, die gewaltige Auswirkungen auf  Wirtschaft und Arbeitsmarkt hat wird, ist die künstliche Intelligenz.  Zum Beispiel wird  das Logistik- und Transportwesen fundamental durch autonom fahrende Lastkraftwagen  verändert werden.. Andererseits können auch bestimmte andere neuere Technologien, wie beispielsweise 3-D-Druck ganze  Vertriebswege für billige Massenware in Zukunft obsolet machen, wenn die Produkte vor Ort direkt kostengünstiger hergestellt werden können

Diese technologischen Veränderungen werden einen gewaltigen Einfluss auf unser Wirtschaftssystem haben. Nach Booth steigern die jetzigen konventionellen Industrien ihr Wachstum durch mehr Güter und Absätze, was wiederum Arbeitsplätze schafft. Damit stehen diese Industrien jedoch in einem Wettbewerb mit modernen Technologie-Konzernen, in dem sie laut Booth nahezu nicht bestehen können. Diese profitieren nämlich von einer permanenten exponentiellen Leistungssteigerung der gegenwärtigen Technologien, was durch das sogenannte Mooresche Gesetz begünstigt wird. Nach diesem Gesetz, das eher als Faustregel gilt, verdoppelt sich jährlich die Anzahl von Transistoren in einem integrierten Schaltkreis.

Andererseits fußt das gegenwärtige Wachstumsmodell nach Booth  auch auf einem Fundament aus steigenden globalen Schulden. Die Verschuldung trifft nicht nur Staaten – auch Unternehmen und Privathaushalte sind verschuldet. Diese Verschuldung wird durch die Notenbanken befördert, für die aktuell jede Antwort auf eine Krise die gleiche ist, nämlich die Märkte permanent mit billigem Geld zu fluten Ein wesentliches Problem darin erkennt Booth, dass die Notenbanken dieses Spiel bis ins extreme betreiben können, da solange die Politik all dies gutheisst und niemand sie davon abhält, weiterhin Geld zu drucken.

Booth  bezeichnet dies als eine Art Schneeball-System, das die Notenbanken derzeit betreiben, und befürchtet daher einem gefährlichen Vertrauensverlust in unser monetäres System. Nicht nur von Seiten der Investoren, sondern auch von Seiten der gewöhnlichen Bürger, die einerseits den Wertverlust ihrer Ersparnisse sehen und auf der anderer Seite Angst haben, dass ihre Arbeitsplätze im Zuge der digitalen Revolution wegrationalisiert werden. 

Die von Booth als positiv angesehene vom technologischen Fortschritt begünstigte Deflation passt nach ihm nicht in das derzeitige inflationäre Modell der Notenbanken. Er ist sogar fest davon überzeugt, dass dieses noch aus der Nachkriegszeit stammende Wirtschaftswachstumskonzept auf lange Sicht den Kampf gegen die technologiegetriebene Deflation nicht gewinnen kann.

Jeff Booth selbst sieht sich als Anhänger eines Kapitalismus, der durch den freien Markt geregelt wird.  Dieser sollte nicht durch Eingriffe des Staates manipuliert oder missbraucht werden für Klientelpolitik, einseitige Bevormundung bestimmter Industriezweige oder zur Spaltung der Gesellschaft durch ökonomischen Populismus.

Booth beschreibt in seinem Buch auf interessante Weise, durch welche Entwicklungen es zu unserer heutigen Situation kam. Er beschreibt Faktoren, die unsere Gesellschaft jetzt schon weitgehend verändert haben und die dies in Zukunft noch tiefgreifender tun werden. Der Autor nutzt historische und technologische Entwicklungen, um seine Argumentation zu veranschaulichen. Zudem schlägt er Lösungen vor, wie man die Probleme angehen kann.

In erster Linie geht es Booth jedoch darum, mit seinem Buch eine breite gesellschaftliche Diskussion anzuregen. Wir sollten endlich damit anfangen, über politische und wirtschaftliche Reformmaßnahmen zu diskutieren, die sich nicht an Modellen aus der Vergangenheit orientieren, sondern kompatibel sind mit dem derzeitigen Prozess des technologischen Fortschritts. Wir sollten ebenfalls offener sein gegenüber neuen Technologien, denn sie sind der Schlüssel für eine bessere Zukunft. Die Menschen müssen sich nicht vor diesem Fortschritt fürchten, wenn wir uns alle darauf einigen, diese neuen Technologien zum Zwecke der Förderung von mehr Wohlstand und individueller Freiheit zu benutzen.

Deshalb ist es jedoch notwendig, dass wir aus der Illusion aufwachen, in der viele von uns sich derzeit befinden und begreifen, dass die vermeintlichen Lösungen aus der Vergangenheit für das jetzt und das zukünftige Morgen wenig beständig sind.

Jeff Booth: The Price of Tomorrow.Why Deflation Is the Key to an Abundant Future. Vancouver: Stanley Press, 2020, english

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