Der Euro schafft sich ab

von Vincent Czyrnik

Ein Mensch mit viel Geld hat Wohlstand – ein Land mit viel Geld hat ein Problem. Seit der Finanzkrise 2008 wird kräftig Geld in die Märkte gepumpt und der amerikanische Präsident Biden macht trotzdem Putin für die Inflation verantwortlich. Zeit für eine Erklärung.

Aktuell hat Deutschland so viel Geld wie nie im Umlauf, und trotzdem werden wir nicht reicher. Im Gegenteil: Die Energiepreise steigen, und im Supermarkt spüren wir schmerzlich an der Kasse, dass alles teurer wird. Auch wenn der Ukraine-Krieg und die Energiewende zu den steigenden Preisen beitragen, die Hauptverantwortung trägt jemand anderes: unsere Geldpolitik.

Die Geschichte unserer derzeitigen Geldpolitik begann spätestens mit der Finanzkrise 2008. Ein mancher erinnern an die Rettung „systemrelevanter“ Banken, manch andere an die „Pleitestaaten“ rund um Griechenland. Um jeden Preis sollten die Banken und Staaten am Leben gehalten werden – denn fallen sie, fällt die Wirtschaft. Mit günstigen Krediten wurden Unmengen an Geld in die Volkswirtschaften gepumpt, um marode Banken, zahlungsunfähige Staaten und insolvente Unternehmen zu retten. Tote wurden am Leben gehalten – schufen wir damit eine Zombie-Wirtschaft?

Warum haben wir zu viele Euros?

Fürs Gelddrucken ist in Europa die Europäische Zentralbank verantwortlich. Im Wesentlichen bedeutet das: Die Europäische Zentralbank setzt einen Leitzins fest, der beeinflusst, wie „billig“ das Geld ist. Und umso billiger das Geld, umso höher fällt die Inflation aus – meistens.

Der Leitzins ist prinzipiell das Gleiche wie ein Zins bei einem Kredit: Eine Familie kauft sich ein Haus und nimmt dafür einen Kredit auf. Die Familie wird umso eher die große Investition tätigen, je niedriger der Zins für den Hauskredit ist.

Unternehmen, Banken und auch Staaten nehmen ihre Kredite über Umwege zu einem ähnlichen Preis wie der Leitzins auf. Je niedriger der (Leit-)Zins für diese Kredite ausfällt, desto mehr Kredite werden für Staatsausgaben oder Investitionen von Firmen aufgenommen. 

Wenn eine Volkswirtschaft in eine Krise gerät, kann es laut einiger (aber führender) Wirtschaftswissenschaftler kurzfristig Sinn ergeben, Unternehmensinvestitionen und Staatsausgaben mit günstigen (Leit-)Zinsen zu stimulieren. Dadurch fallen Unternehmen, Staaten und Konsumenten nicht in den Krisenmodus, sondern konsumieren und investieren fleißig weiter, weil sie dank niedriger Zinsen mit billigem Geld versorgt werden.

Das Problem entsteht, wenn man aus dieser Stimulation nicht mehr herauskommt. So geschah und geschieht es bei der Europäischen Zentralbank seit 2008. Diese senkte seither den Leitzins kontinuierlich: Von über zwei Prozent vor der Finanzkrise sank er im Lauf der Jahre auf null Prozent im Jahr 2016 – und diese Nullzinspolitik existiert bis heute. Über 10 Jahre werden Unternehmen, Staaten und Banken faktisch mit günstigen Krediten stimuliert.  Daher kann man davon sprechen, dass billiges Geld in die Volkswirtschaften des Euro-Raums gepumpt wurde und wird. 

Eine solche Null-Prozent-Geldpolitik bedeutet im realen Leben: Eine Familie möchte sich ein Eigenheim kaufen und nimmt dafür einen Hauskredit auf. Auf diesen Kredit gibt es keine(!) Zinsen; die Familie muss nur im Verlauf der Jahre ohne Extrakosten das geliehene Geld zurückzahlen.

Vor der Niedrigzinspolitik musste eine Familie noch einen beträchtlichen Zins für ihren Hauskredit zahlen. Vor 2008 überlegten sich daher Familien aber auch Unternehmen, Banken und Staaten genau, ob sie einen Kredit aufnehmen. Damals mussten sich die Investitionen noch richtig lohnen, denn Geld zu leihen hatte in Form eines Zinses einen hohen Preis. Diese hohen Zinsen mussten reell erwirtschaftet werden: durch Lohnarbeit im Fall eines Eigenheim, durch erfolgreiche Investitionen im Fall von  Unternehmen und durch ein gesundes Wirtschaften im Fall von Staaten. Doch diese Zeiten sind vorbei. 

Mit Brandbeschleunigern zur Inflation

Da die Droge des billigen Geldes über die Jahre aber nicht mehr reichte, musste die Dosis erhöht werden: Die Pleitestaaten drohten wirklich bankrott zu gehen und auch das Geld zu einem Nullzins schien nicht mehr zu reichen. Daraufhin entschlossen sich die federführenden Akteure der EZB, Staatsanleihen aufzukaufen, also die Schulden der Staaten aufzukaufen. Damit brach man das große Versprechen unserer Zentralbank, ihre Unabhängigkeit vor den politischen Entscheidungen aus Brüssel oder andernorts zu wahren. Das Bundesverfassungsgericht stufte den Aufkauf der Staatsanleihen sogar als „teilweise verfassungswidrig“ ein. Weitergemacht wird trotzdem. 

Die Nullzinspolitik und der Staatsanleihenkauf durch die EZB führen dazu, dass Kredite ohne reale Gegenleistung aufgenommen werden können. Wenn man Geld verteilt, ohne etwas Reales dafür zu erhalten, dann verliert das Geld an Wert. Man stelle sich vor: Früher war ein Apfel ein Euro wert und da nun viel Geld quasi „verschenkt“ wurde, muss man nun zwei Euro für diesen Apfel bezahlen. Mehr Geld im Umlauf bei gleich viel Waren – das ist Inflation. Wichtig hierbei ist, dass die Preissteigerung des Apfels nicht auf weniger Äpfel beispielsweise aufgrund einer Dürreperiode zurückzuführen ist, sondern auf eine Erhöhung der Geldmenge.

Wird das Öl knapp oder das Geld zu viel?

Eine ähnliche Nullzins-Politik wie die Eurozone betreibt die amerikanische Zentralbank FED. 40 Prozent der jemals(!) emittierten Dollarmenge wurde dort in den letzten zwei Jahren in Umlauf gebracht. Das Gelddrucken wird dort ebenso seit der Finanzkrise 2008 beschleunigt, und in den letzten zwei Jahren versuchte man die Corona-Krise mit noch mehr Geld zu bekämpfen. Doch auch hier gab es mehr Geld als reale Werte. Die Folge ist logisch: Inflation. 

Trotzdem behauptete der amtierende amerikanische Präsident Biden, dass Putin mit seinem Ukraine-Krieg für den steigenden Preise für Öl, Gas und Lebensmittel verantwortlich sei. Doch stieg die Inflation bereits im Februar – und damit vor dem Ukraine-Krieg – massiv an.

Die plausibelste Erklärung ist, dass die galoppierende Inflation mehrere Gründe hat: Zum einen die Nullzinspolitik der Zentralbanken in den USA und Europa; zum anderen spielen aber auch der Ukraine-Konflikt, die Corona-Maßnahmen und der Kampf gegen Klimawandel ihre Rollen. 

Ersetzen Bitcoin & Co. unser Zentralbanksystem?

Im September 2021 behauptete Christine Lagarde, die Chefin der Europäischen Zentralbank, die Inflation sei nur temporär. Schon damals fragten sich viele kritische Ökonomen, auf welche Belege sie ihre Aussagen gründete. Die jetzige Situation zeigt deutlich: Die Inflation ist nicht temporär. Und die Zentralbanken bieten auch keinen wirklichen Ausweg, wie man die Inflation beenden kann.

Diese Ausweglosigkeit dient als Anreiz für neue Lösungen. Mit dem Bitcoin wurde 2007 ein erstes System erschaffen, das dem Euro kräftig Konkurrenz macht. Anders als das Zentralbankgeld können Kryptowährungen nicht einfach vervielfältigt werden und sind somit wertstabiler und weniger inflationsanfällig. 

Ob Bitcoin oder eine andere Kryptowährung den Euro tatsächlich ersetzen kann, steht in den Sternen. In Brüssel bastelt man fleißig an Regulierungen der Kryptowährungen; beispielsweise wurden zuletzt selbstverwaltete Crypto-Wallets verboten. Doch reagiert man in Brüssel nur, weil das Handelsvolumen von Bitcoin & Co. seit Jahren gefährlich wächst. In El Salvador ist Bitcoins bereits gesetzliches Zahlungsmittel. Weitere Schwellenländer wie Honduras könnten nachzuziehen. In Rio de Janeiro sollen Steuerzahlungen bald in Bitcoin erlaubt sein. 

Mehr und mehr Unternehmen, Banken aber auch einfache Konsumenten könnten auf Kryptowährungen umsteigen, wenn die Zentralbanken nicht demnächst von ihrer Niedrigzinspolitik abrücken. Auch wenn Bitcoin & Co. den Euro oder Dollar zumindest nicht kurzfristig ersetzen werden, mächtig Konkurrenz machen sie jetzt schon. Und die Regulierungswut in Brüssel zeigt auf, dass dort Grund zur Sorge besteht.

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