Trade-offs – die unbequeme Wahrheit

von Xaver Maximilian Spörl

Keine roten Linien“ – diese Devise verkündete der neu gewählte Bundeskanzler Olaf Scholz auf die Frage, ob er einen Weihnachtslockdown ausschließe. Es ist eine gefährliche Devise: alles muss sich der Bekämpfung der Corona-Pandemie unterordnen. Die Frage nach der Verhältnismäßigkeit von Maßnahmen stellt sich dann nicht mehr, es zählt einzig ihre Wirksamkeit. Diese Argumentationsweise, welche das ökonomische Phänomen der Trade-offs ignoriert, ist jedoch nicht untypisch für Politiker.

Dabei begegnen wir täglich Trade-offs, mehrmals sogar. Zum Beispiel, wenn wir vor dem Supermarktregal stehen: nehme ich lieber die Eier aus Bodenhaltung und spare dabei Geld oder greife ich nach den Bio-Eiern, die zwar dem Tierwohl zuträglicher, meinem Portemonnaie jedoch abträglicher sind? Oder auf dem Weg zur Arbeit: soll ich mich Wind und Wetter trotzend aufs Rad schwingen und dabei etwas für meine Gesundheit tun oder mich mit einem guten Buch oder dem Smartphone in der Hand in die warme S-Bahn lümmeln?

Zielkonflikte wie diese sind uns gut bekannt. Für ein bestimmtes Gut müssen wir Abstriche in einem anderen Bereich hinnehmen. Die Ökonomik bezeichnet diesen Effekt, das notwendige Abwägen sich wechselseitig ausschließender Ziele, als „Trade-off“. Doch obwohl diese Trade-offs in unserem Leben omnipräsent sind, übersehen wir sie nicht selten an ganz entscheidenden Stellen – gerade in gesellschaftlichen Debatten. Das hat fatale Folgen, sowohl für die Diskussionskultur, als auch für politische Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen.

Politik ist Abwägung

Ein Meister des Denkens in Trade-offs ist der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Sowell. Das kühle Abwägen von Zielkonflikten führt er sogar als Definition der Klugheit an, die er in der Tradition Edmund Burkes als die höchste aller politischen Tugenden begreift. Forderungen, nach denen gewisse Ziele ohne Rücksicht auf die dabei entstehenden Kosten zu verfolgen sind, steht er zutiefst skeptisch gegenüber. So werde beispielsweise jedes durch allzu restriktive Arbeitsschutzmaßnahmen gerettete Leben durch Wohlstandseinbußen erkauft, die ihrerseits ein Vielfaches an Menschenleben fordern, da sie zum Beispiel verbesserte medizinische Versorgung erschweren.

Die Neigung, ein Ziel zum höchsten Ziel zu machen, dem alles untergeordnet werden muss, findet sich insbesondere bei den Debatten um den Klimawandel und die Corona-Pandemie. Das Mantra, die CO2-Emissionen müssen um jeden Preis gesenkt werden, alles andere sei im Vergleich dazu nebensächlich, ist ebenso weitverbreitet wie gefährlich. Auch hier wird ein Trade-off unterschlagen. Denn durch ein blindes Befolgen dieses Mantras würde Wohlstand vernichtet – Wohlstand, der nicht nur zur Erschließung klimafreundlicher Technologien führen kann, sondern auch notwendig ist, um bereits eintretende Folgen des Klimawandels abzumildern. An einer anderen Front führten uns Australien und Neuseeland in abschreckender Weise vor, wozu das fanatische Festhalten an einer Zero-Covid-Strategie führt: zu einem dystopischen Überwachungsstaatsszenario, in dem die Streitkräfte die Einhaltung einer strengen Ausgangssperre durchsetzen – zu einem Zeitpunkt, zu dem bereits mehrere wirksame Impfstoffe gefunden waren und das Virus gut erforscht war.

Die Tyrannei der Experten

Die Blindheit für Trade-offs geht nicht selten einher mit einer übertriebenen Wissenschaftsgläubigkeit. Der Ruf nach einer Politik, die sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert, erschallt nun lauter als nur wenige Jahre zuvor. Die Meinung von Experten sollte bei politischen Entscheidungen nicht ignoriert werden. Dabei sollte jedoch nicht verkannt werden, dass es nicht eine einzelne Wissenschaft gibt, sondern unzählige verschiedene, mit unterschiedlichen Forschungsgebieten und Methoden, die jeweils nur einen Teil der Realität akkurat abbilden können. Selbstverständlich wissen Virologen wie Professor Drosten besser, mit welchen Maßnahmen Infektionszahlen am effektivsten zu reduzieren sind. Doch sie wissen nur wenig darüber, wie sich diese Maßnahmen in anderen Bereichen auswirken – das liegt in der Kompetenz von Ökonomen, Psychologen, Soziologen und anderen.

Einzelne Wissenschaften können lediglich Aussagen darüber treffen, wie bestimmte Ziele erreicht werden können, die sich gegenseitig ausschließen. Die Aufgabe von Politikern besteht darin, die Erkenntnisse verschiedener Fachrichtungen zu integrieren und zu entscheiden, zu welchem Grad welches Ziel erreicht werden soll. Es kann dabei keine Zielgewichtung objektiv als die richtige erkannt werden. Das ist genau jenes Abwägen, von dem Thomas Sowell spricht.

Eine Kultur der Ehrlichkeit

Die Neigung, Zielkonflikte auszublenden ist tief in der menschlichen Natur verwurzelt. Es ist eine typische Strategie um kognitive Dissonanzen zu überbrücken. Jeder Mensch vertritt verschiedene Auffassungen, die sich teilweise widersprechen. Wenn wir beispielsweise sowohl eine intakte Umwelt als auch die Erhaltung individueller Freiheit für erstrebenswert halten, fällt es uns nicht leicht, uns einzugestehen, dass wir eins der beiden Ziele für das andere opfern müssen. Ebenso wenig wollen wir bei Dritten, die das Ziel hochhalten, welches wir aufzugeben bereit sind, den Eindruck erwecken, wir würden dieses geringschätzen. Bequemer ist es, sich einzureden, dass kein Trade-off bestehe. Darum gibt es viele Menschen, die politische Maßnahmen gegen den Klimawandel ablehnen und zugleich die Existenz des menschengemachten Klimawandels überhaupt anzweifeln oder seine Auswirkungen kleinreden. Das Leugnen des Zielkonflikts ist die einzige Ausflucht, die ihnen bleibt.

Selbstverständlich stehen Politiker und andere Führungspersönlichkeiten, die auf Unterstützung durch Menschen mit unterschiedlichen Zielen und Werten angewiesen sind, unter einem gewissen Zugzwang, diese Ausflucht zu nehmen. Die Weisheit der Rolling Stones „You can’t always get what you want” kommt bei einer Wählerschaft, die eher Queens „I want it all“ beipflichtet nicht gerade gut an. Wer sich öffentlich dazu bekennt, eine Abwägungsentscheidung zu treffen, riskiert seine Glaubwürdigkeit. Seine Versicherungen, sich „diese Entscheidung nicht leicht gemacht“ zu haben, und sein Bedauern über das Ziel, das geopfert werden soll, bleiben für den Wähler Lippenbekenntnisse.

Doch dass öffentliche Akteure diesen Sachzwängen unterliegen, bedeutet nicht, dass wir uns im Kleinen nicht um Ehrlichkeit über Trade-offs bemühen können. Im Zwiegespräch, gerade mit politisch Andersdenkenden, sollten wir zugeben, dass wir bereit sind, gewisse Missstände hinzunehmen, um andere zu vermeiden. Das erfordert zum einen Ehrlichkeit mit uns selbst. Aber auch Mut, uns zu dieser unbequemen Wahrheit zu bekennen. Doch es kann uns gelingen, in diesen Fragen mit kleinen Schritten auf eine Kultur der Ehrlichkeit hinzuarbeiten.

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