Zurück zu den Wurzeln des Liberalismus: die Schottische Aufklärung

von Karen Horn

Die Wurzeln des Liberalismus sind lang, tief und weit verzweigt. Eine von ihnen führt in den Norden des Vereinigten Königreichs, zu den Denkern der Schottischen Aufklärung – eine regionale Ausprägung jener großen emanzipatorischen Bewegung des 18. Jahrhunderts in Europa, in der es, wie es der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) formulierte, um den „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ ging. Überall wuchs das Bewusstsein, dass die Menschheit ihr Schicksal selbst gestalten kann und dass sie keine Obrigkeit anerkennen muss, die sich nicht per Vernunft begründen lässt.

Die Schottische Aufklärung war Teil einer wissenschaftlichen Blüte, die in einer Zeit rapiden wirtschaftlichen Aufschwungs nach dem „Act of Union“ von 1707 und dem auf dieser Grundlage vollzogenen Zusammenschluss Englands und Schottlands in einem vereinigten britischen Königreich entstehen konnte. Schottland hatte durch die Vereinigung Zugang zu Englands Märkten bekommen, die industrielle Revolution stand vor der Tür. Das schottische Parlament wurde aufgelöst; der politische Zirkus verlagerte sich nach England.

Die Schottische Aufklärung erfasste eine Vielzahl von wissenschaftlichen Fachgebieten, von der Philosophie und der Literatur bis hin zu Chemie und Medizin. Zentren des Geistes waren Edinburgh, Glasgow und Aberdeen. Im Gegensatz zum kontinentalen Trend der Aufklärung war die Schottische Aufklärung stark empirisch verwurzelt; jede Theorie musste sich also an eine Beobachtung der Realität anbinden lassen, um Bestand zu haben (empirisch heißt nicht notwendig statistisch; es geht um die Beobachtung der Realität). Es war diese Fundierung, die die Denker der schottischen Aufklärung vor jenem Rationalismus bewahrte, den der liberale Ökonom und Sozialphilosoph Friedrich August von Hayek später als Hybris geißelte.

Isaac Newton (1642-1727), Physiker, Mathematiker und Philosoph, war das große inspirierende Vorbild. Für ihn war klar, dass sich die Gesetze der Natur aus der Beobachtung – und nur aus der Beobachtung – erschließen lassen. Den – später geborenen – Denkern der Schottischen Aufklärung ging es nicht so sehr um naturwissenschaftliche Erkenntnisse. Doch sie wandten Newtons Prinzip der Beobachtung sozialwissenschaftlich an, um den Gesetzmäßigkeiten menschlichen Handelns und der Interaktion auf die Spur zu kommen.

Francis Hutcheson (1694-1746), der ab 1729 den Lehrstuhl für Moralphilosophie an der Universität Glasgow innehatte, gilt als einer der ersten wichtigen Philosophen der Schottischen Aufklärung. Der Ethiker, Logiker und Erkenntnistheoretiker vermutete, dass die Menschen über einen angeborenen inneren „moralischen Sinn“ verfügen, einen Kompass, der zwischen Tugend und Laster zu unterscheiden hilft. Er entwickelte darüber hinaus den moralischen Standard, nach dem eine Handlung moralisch umso wertvoller ist, je mehr sie von Nächstenliebe getragen ist und je stärker sie die Wohlfahrt anderer Menschen steigert: „das größte Glück der größten Zahl“. Dieses Prinzip ist der Kern des Utilitarismus.

David Hume (1711-1776) publizierte im Alter von 28 Jahren schon sein philosophisches Hauptwerk, „A Treatise of Human Nature“. Erfolgreich war es nicht; das waren erst seine „Essays, Moral, Political and Literary“ (1740 und 1742). Der Philosoph, Historiker und Erkenntnistheoretiker reiste viel; er verdingte sich als Privatsekretär, war Botschafter und Beamter im britischen Außenministerium. Nur einen akademischen Lehrstuhl bekam Hume nie, dafür aber viel Ärger für seine als ketzerisch empfundenen Schriften. Er misstraute der Vernunft, die er als „Sklavin der Leidenschaften“ betrachtete, und das sollte sie auch bleiben. Für Hume war die Vernunft ein Mittel, das einzusetzen ist, um moralische Imperative zu verwirklichen – doch wie diese aussehen, erfahren wir nicht durch die Vernunft, sondern durch unser Empfinden. Auch Hume ging also von einem „moral sense“ aus.

Adam Ferguson (1723-1826), Historiker und Sozialethiker, brachte in seinem Hauptwerk, dem „Essay on the History of Civil Society“ (1767), unter anderem auf den Punkt, worin der Ansatz der Schottischen Aufklärung im Kern besteht – nämlich in der Erkenntnis, dass “[…] nations stumble upon establishments, which are indeed the result of human action, but not the execution of any human design.“ Auf Deutsch: Ordnung ist nicht immer das Ergebnis von „design“, von Planung, noch nicht einmal von „human design“, das auf der Vernunft basiert, wohl aber von „human action“. Sie ist somit manchmal das spontane Ergebnis von nicht weiter kalkulierten Handlungen, die Menschen beispielsweise aus schlichter Gewohnheit vornehmen. Was es zu erforschen gilt, ist eben dieses ungeplante Ergebnis ihrer Interaktion.

Adam Smith (1723-1790) schließlich ist der in der Öffentlichkeit mit Abstand bekannteste der schottischen Aufklärer. 1751 erhielt er eine Professur für Logik in Glasgow und übernahm ein Jahr später den Lehrstuhl für Moralphilosophie. Aus seinen Vorlesungen destillierte Smith sein erstes großes Buch, die „Theory of Moral Sentiments“ (1759). Es geht darin im Wesentlichen um die Frage, wie wir, Individuen und immer auch soziale Wesen, moralische Urteile über uns selbst und andere fällen: mithilfe unserer Vorstellungskraft und der Fähigkeit, uns in andere Menschen hineinzuversetzen, getrieben von Sehnsucht danach, gelobt zu werden und das Lob dann auch verdient zu haben.

Nach dieser ersten Veröffentlichung gab Smith seine Professur auf und begleitete einen Schüler auf mehrjährige Bildungsreise nach Frankreich. Nach der Rückkehr zog er sich in sein Heimatstädtchen zurück, um seine Reisenotizen auszuwerten und ein umfassendes ökonomisches Werk zu verfassen – jenen berühmten „Wealth of Nations“ (1776), mit dem für viele Ökonomen die Zeitrechnung ihres Fachs erst beginnt. Mit seinem reformerischen Impetus wurde es auch wirtschaftspolitisch im 19. Jahrhundert äußerst wirkmächtig.

In diesem größtenteils philosophisch-beschreibenden Werk legt Smith dar, dass Wohlstand vor allem eine Folge der Arbeitsteilung ist. Die Arbeitsteilung erlaubt es (in einem von unklugen politischen Interventionen möglichst freien „simple system of natural liberty“), die Produktivität der Arbeit durch Spezialisierung und begleitende Kapitalakkumulation und -investition stetig zu erhöhen. Arbeitsteilung entspricht dem natürlichen Kooperationswillen des Menschen, den Smith auch hier wieder als soziales, interaktives Wesen denkt.

Der „Wealth of Nations“ liefert einen frühen umfassenden Überblick über die Preistheorie, eine Geldtheorie, eine freilich selbstwidersprüchliche (Arbeits-)Werttheorie (auf der später Karl Marx aufbaute), eine Außenhandelstheorie (die zur Grundlage des Rufs nach Freihandel wurde), eine Wachstumstheorie sowie eine Theorie der öffentlichen Finanzen mit einer ausführlichen Betrachtung der Staatsaufgaben und der dabei zu berücksichtigenden Anreizprobleme. Die „unsichtbare Hand“ übrigens, für die Smith in der Rezeptionsgeschichte berühmt-berüchtigt wurde, kommt im ganzen Buch nur ein einziges, ziemlich belangloses Mal vor – als Floskel für nichts anderes als einen unbeabsichtigten Nebeneffekt.

Dieser Beitrag erschien zuerst in unserem Print-Magazin.

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