Atomenergie: Ein gefährlicher Klimaretter?

von Vincent Czyrnik

Schutt und Asche lassen erahnen, dass hier einmal das Stadtleben tobte. Die Kulisse zeigt eine Frau mit Mundschutz im Vordergrund, welche auf ihrem Rücken ihr Kind trägt. Dem Kind sieht man die Ereignisse der letzten Tage an. Dieses Bild ziert das Cover des Buches „Das Japanische Desaster: Fukushima und die Folgen“ von Johannes Hano, ZDF-Korrespondent. Als Konsequenz der Ereignisse in Fukushima entschloss sich hierzulande die Bundesregierung bis 2021 aus der Atomenergie auszusteigen.

Der Name „Fukushima“ im Titel des Buches führt zu der Vermutung, dass zerstörte Städte und flüchtende Menschen unmittelbar im Zusammenhang mit der Reaktorkatastrophe in Fukushima stünden. Doch ereigneten sich am 11. März 2011 in Japan mehrere Katastrophen: Erdbeben, Tsunami und die Reaktorkatastrophe. Die Bilder, wofür das Cover von Johannes Hanos Buch exemplarisch steht, führen zu einer Grundeinstellung gegenüber Atomenergie, die mehr auf Emotionen als auf Fakten beruht.

Infolge der Ereignisse in Japan wurde Atomenergie komplett aus unserer Energieversorgung verbannt. Schlagzeilen wie „Wir haben längst den Super-GAU“ vom Stern oder „GAU auf Raten“ vom Spiegel schufen ein Bewusstsein dafür, dass in Deutschland sich eine ähnliche Katastrophe ereignen könnte. Doch ist Angst ein guter Ratgeber?

Zur Gefährlichkeit von Atomenergie

“Never leave a number all by itself. Never believe that one number on its own can be meaningful. If you are offered one number, always ask for at least one more. Something to compare it with.“ – Hans Rosling

Dass Atomenergie Gefahren birgt, scheint infolge der Ereignisse in Fukushima und auch Tschernobyl unbestritten. Doch stellt sich die Frage, wie groß die Gefahren im Vergleich zu anderen Energieformen ausfallen. Die starken Bilder in Fernsehen und Zeitung aus Fukushima haben dazu geführt, dass wir vergessen darüber nachzudenken, wie gefährlich Atomenergie im Vergleich zu konventionellen Energieformen – von denen wir aktuell immer noch abhängig sind – und vor allem zu erneuerbaren Energieformen ist.

Die Studienlage zeigt ein für viele überraschendes Ergebnis: Vergleicht man die Todesrate, ist Atomenergie zum einen viel sicherer als konventionelle Energieformen und zum anderen mit erneuerbaren Energien auf ähnlichem Niveau. Pro erzeugter Terrawattstunde Strom sterben 32,72 Menschen bei der Energieproduktion durch Braunkohle, 24,62 durch Steinkohle, 18,43 durch Erdöl, 4,63 durch Biomasse, 0,035 durch Windenenergie, 0,024 durch Wasserkraft, 0,019 durch Solarenergie und je nach Studienlage 0,07 bzw. 0,01 durch Atomenergie. [1]

Die Zahlen sind auf den ersten Blick sehr abstrakt. Zur besseren Illustration des Vergleichs betrachten wir die Stadt Garmisch-Partenkirchen: Südwestlich der Stadt befindet sich Deutschland höchster Berg: Die Zugspitze. Doch dieser Rekord spielt im folgenden Beispiel eine untergeordnete Rolle. Vielmehr interessieren die 27.000 Einwohner, welche insgesamt pro Jahr 1 Terrawattstunde Strom verbrauchen. Nun stelle man sich den hypothetischen Fall vor, dass in Garmisch-Partenkirchen die komplette Energieproduktion aus einer einzigen Energieform stammt. Das bedeutet, dass die Stadt ihren Strom komplett aus Windenergie, Kohleenergie, Solarenergie, Atomenergie etc. bezieht. Die folgende Übersicht zeigt die hypothetischen Toten entsprechend der aktuellen Studienlage:

Braunkohle: 33 Menschen würden im ersten Jahr sterben;

Steinkohle: 25 Menschen würden im ersten Jahr sterben;

Biomasse: 5 Menschen würden im ersten Jahr sterben;

Gas: 3 Menschen würden im ersten Jahr sterben;

Wind: Es würde 29 Jahre dauern, bis die erste Person stirbt;

Wasserkraft: Es würde 42 Jahre dauern, bis die erste Person stirbt;

Solarenenergie: Es würde 53 Jahre dauern, bis die erste Person stirbt;

Atomenergie: Je nach Studienlage würde es zwischen 14 und 100 Jahre dauern, bis die erste Person stirbt.

Bei den konventionellen Energieformen wie Kohle oder Gas treten die meisten Toten im Zusammenhang mit der Luftverschmutzung infolge der Verbrennung der Ausgangsstoffe auf. Hinzu kommen Grubenunglücke, Unfälle beim Transport oder auch Explosionen bei Erdgas. Bei den erneuerbaren Energie ereignen sich ganz unterschiedliche Unfälle: Solaranlagen explodierten in der Vergangenheit mehrmals, insbesondere bei der Herstellung der Module. Die Staudämme der Wasserkraftwerke können brechen, wodurch die flussabwärts liegenden Gemeinden überflutet wurden. Tote im Zusammenhang mit Windenergie unterliegen ganz unterschiedlichen Ursachen. Beispielsweise ereignete sich 2012 in Brasilien eine Kollision zwischen einem Bus und einem Windkraftanlagen-Transporter, bei der 17 Menschen starben. 

Der Grund für die Annahme, Atomenergie sei hochgefährlich, ist darin zu finden, dass die Ereignisse in Fukushima zwar starke Bilder hervorgebracht haben, die tatsächlichen Opferzahlen – im Vergleich – viel geringer ausfallen, als man intuitiv vermuten würde. Ein Vergleich von Menschenleben ist eine traurige Angelegenheit, denn jedes Leben ist kostbar. Trotzdem erfordert Energieproduktion, wie das Leben, den Tod von Menschen. Ohne Energieproduktion würden weit mehr Menschen täglich sterben.

Weitere interessante Fakten zu den Ereignissen in Fukushima:

  • Infolge der Fukushima-Katastrophe konnte bislang kein einziger Toter im Zusammenhang mit radioaktiver Strahlung nachgewiesen werden. [2]
  • Unter den 23.000 beteiligten Notfallhelfern erhielten 174 eine kritische Strahlendosis von über 100 Millisievert. Bei dieser Strahlendosis erhöht sich das Mortalitätsrisiko um 0,4 Prozent. Im Vergleich dazu steigt dieses Risiko um 1,7 Prozent als Passivraucher in der eigenen Wohnung und um 2,8 Prozent als Stadtbewohner gegenüber Landbewohnern. [3]
  • Weitere Langzeitfolgen wie Lungenkrebs, Missbildungen, geistige Schäden von Kindern und eine generelle Erhöhung der Kindersterblichkeit werden nicht erwartet. [4]
  • Als größte Gesundheitseffekte als Folge der Katastrophe(n) in Japan werden das mentale und soziale Wohlbefinden angenommen, was nur mittelbar auf die Reaktorkatastrophe zurückzuführen ist. [4]

Auch zu Tschernobyl ergeben sich überraschende Fakten [5]:

  • Die belegten Daten zählen 28 Menschen, die 1986 an der akuten Strahlenkrankheit starben, hinzu kommen 19 weitere Menschen in den Folgejahren. 
  • Ein signifikanter Anstieg von vermehrten Fehlbildungen bei Neugeboren konnte nicht festgestellt werden. Die zunehmenden Abtreibungen sind der verbreiteten und auch geschürten Strahlenangst, nicht aber der Strahlung selbst geschuldet.
  • Einzig die Menschen, die in unmittelbarer Entfernung von Tschernobyl lebten oder halfen, waren einem erhöhten Gesundheitsrisiko ausgesetzt. Wie hoch dieses Risiko konkret ausfiel, ist in der wissenschaftlichen Literatur umstritten.

Atomenergie als Klimaretter?

Der menschengemachte Klimawandel stellt unsere komplette Energieversorgung in Frage. Unsere Wohlstandskultur steht in der Kritik, da wohlhabende Länder auch mehr Treibhausgas-Emissionen produzieren. Setzt sich das Wirtschaftswachstum weltweit fort, ohne die Problematik des Klimawandels in den Griff zu bekommen, sehen wir uns mit ernsthaften Konsequenzen konfrontiert.

Atomenergie ist die klimafreundlichste Energieform – sogar im Vergleich mit den erneuerbaren Energien. Gemessen in der Einheit Gramm CO2 pro Kilowattstunde im Lebenszyklus erzeugt Atomenergie 3g, Windenergie 4g, Solarenergie 5g und Wasserkraft 34g Treibhausgas-Emissionen. Die genauen Zahlenwerte können je nach Studienlage leicht voneinander abweichen. [6]

Damit ist Atomenergie ein wichtiger Baustein zur Bekämpfung des Klimawandels. Es gibt also guten Grund für die Überlegung, Atomenergie neben den erneuerbaren Energieformen als Energie der Zukunft einzusetzen. Eine Studie von Peter Lang aus dem Jahr 2017 weist darauf hin, dass es in 60er- und 70er-Jahren zu einem massiven Abbruch der Lernrate im Bereich der Nuklearenergieforschung kam. In der Folge wurde der Einsatz von Atomenergie pro Einheit nicht mehr günstiger, sondern sogar teurer. Wäre es ab den 60er Jahren nicht zu einer Abkehr von Nuklearenergie gekommen, würde der Strom aus Atomenergie – so Lang – heute 1/10 gegenüber dem jetzigen Preis kosten. Damit wäre Atomenergie günstiger als die konventionellen Energieformen. Peter Lang vermutet, dass dadurch Nuklearenergie die konventionellen Energieformen im Jahr 2015 abgelöst hätte. Die Problematik des Klimawandels wäre heute eine andere.

Wohin mit dem Atommüll?

Nun steht fest: Nuklearenergie ist im Vergleich mit anderen Energieformen ungefährlich und dazu noch sehr klimafreundlich. Zudem führen die Unfälle in Tschernobyl und Fukushima dazu, dass sich die Sicherheit von Atomkraftwerken weiter erhöht und mit Unfällen dramatischen Ausmaßes wie in Tschernobyl in der Zukunft nicht zu rechnen ist. Alles schön und gut, könnte man meinen, aber was ist mit der Entsorgung des Atommülls?

Bei der Entsorgung unterscheidet man zwischen schwachradioaktivem, mittelradioaktivem und hochradioaktivem Abfall. Relativ unproblematisch gestaltet sich die Entsorgung von schwachradioaktivem und mittelradioaktivem Atommüll. Leichtradioaktiver Müll kann verdichtet, verbrannt und in geringer Tiefe sicher vergraben werden. Mittelradioaktiver Müll muss vor der Entsorgung mit Bitumen oder Beton abgeschirmt werden, kann dann aber analog zu leichtradioaktivem Müll in relativ geringer Tiefe gelagert werden. Wichtig dabei ist, dass radioaktiver Abfall zwischengelagert wird, da innerhalb von 40-50 Jahren Hitze und Radioaktivität um über 99% abnehmen, was die Endlagerung dann vereinfacht. Problematisch gestaltet sich die Endlagerung von hochradioaktiven Abfall: Dieser muss aufwendig abgeschirmt werden und in geologisch sichere und sehr tiefe Gesteine gelagert werden.

Bislang befindet sich kein hochradioaktiver Atommüll in der Endlagerung. Allerdings gibt es mit ONKALO in Finnland ein Forschungsprojekt in finaler Phase, was die Endlagerung von hochradioaktivem Abfall ermöglicht. Doch ist eine sichere Endlagerung von Atommüll über Millionen von Jahren überhaupt möglich? Das beweist das „natürliche Endlager“ in Oklo: Vor 1,7 Milliarden fand dort eine natürliche Kernspaltung statt, die 100 kW thermische Leistung freisetzte. Der „Reaktor“ wurde von Gestein eingeschlossen und es gelangte keine signifikante Radioaktivität mehr nach draußen. Der Fall Oklo widerspricht der Vermutung, dass Atommüll ein bösartiges Eigenleben entwickle und auf lange Frist den Planeten verstrahlen würde.

Fazit: Atomenergie als Energie der Zukunft

Dass Atomenergie Gefahren birgt, steht außer Frage. Nur ist es wichtig, diese Gefahren in Relation zu setzen. Die Entscheidung, hierzulande bis 2021 aus der Atomenergie auszusteigen und damit die Anreize für weitere Forschung – auch im Bereich der Sicherheit – zu verringern, beruht mehr auf Emotionen als auf Fakten. Den nackten Zahlen zufolge ist Atomenergie genauso sicher und klimafreundlich wie erneuerbare Energieformen. Zudem lässt sich auch hochradioaktiver Atommüll demnächst in Finnland endlagern. Was will man mehr?

Referenzen

[1] Die Daten entstammen den Studien von Anil Markandya und Paul Wilkinson (2007) “Electricity generation and health (in Lancet 370, S. 979–990)” und von Sovacool und Kollegen “Balancing safety with sustainability: assessing the risk of accidents for modern low-carbon energy systems” (in Journal of Cleaner Production 112, S. 3952-3965)

[2] Seite 10 des “Report of the United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation”, abrufbar unter: https://www.un-scear.org/unscear/en/publications/2013_1.html

[3] Jim Smith (2007) “Are passive smoking, air pollution and obesity a greater mortality risk than major radiation incidents?”(in BMC Public Health 7 (49), S. 2-11)

[4] Internationale Atomenergie-Organisation (2015) “Report of Director General: The Fukushima Daiichi Accident”, abrufbar unter: http://www-pub.iaea.org/MTCD/Publica- tions/PDF/Pub1710-ReportByTheDG-Web.pdf

[5] UN Chernobyl Forum Expert Group “Health” (2006) “Health Effects of the Chernobyl Accident and Special Health Care Programmes, abrufbar unter: https://www.who.int/publications/i/item/9241594179; Tote durch akute Strahlenkrankheit: S. 99; kein signifikanter Anstieg an Fehlbildungen: S. 86, Gefahr nur für Menschen in unmittelbarer Umgebung: S. 106
[6] Thomas Bruckner und Kollegen (2014) „Energy Systems“ (in: Climate Change 2014: Mitigation of Climate Change), abrufbar unter: https://www.ipcc.ch/site/assets/uploads/2018/02/ipcc_wg3_ar5_chapter7.pdf

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