Back to the roots: Wie radikal darf Liberalismus sein?

von Dominik Ernst

Wie weit sollte Liberalismus und vor allem Libertarismus gehen? Wann stößt unser Idealismus an Grenzen? Ein Auftakt zu einer Reihe, die sich ganz grundsätzlich mit dem Liberalismus und der Freiheit auseinandersetzt.

Wie weit sollte Liberalismus und vor allem Libertarismus gehen? Wann stößt unser Idealismus an Grenzen? In libertären Kreisen werden wir immer wieder mit den sehr grundlegenden Ideen der ‚unsichtbaren Hand‘ – als geradezu göttliches Prinzip einerseits – und dem Egoismus – als die scheinbar einzig vernünftig vertretbare Moralphilosophie eines aufgeklärten Menschen andererseits – konfrontiert. In radikaler Konsequenz wird dann in extremen Randgruppen der libertären Bewegung gegen ‚Schmarotzer‘ polarisiert und gleichzeitig der Staat hin zu einer Macht ohne Existenzberechtigung verteufelt, die in letzter Konsequenz ‚mit der Waffe am Kopf‘ politischen Zwang realisiere. Der Staat, so meinen einige radikale Köpfe, sei außerdem im Kern nichts anderes als ein Verhinderer natürlicher Prozesse.

Doch impliziert ein jeder, der das postuliert, nicht auch indirekt damit, dass unser Sozialstaat durch die Rettung von Menschen, die ohne äußere Hilfe selbstständig nicht überleben könnten, den Prozess der natürlichen Selektion behindert? Wie sozialdarwinistisch kann Liberalismus sein? Schonungslos wollen wir in die Ideen radikaler liberaler und aufklärerischer Vordenker einsteigen und bis zum Wurzelwerk des Liberalismus vordringen, um die Zusammenhänge zwischen Markt und Evolution; Egoismus und Amoralismus; Liberalismus und Anarchismus; Freiheit und Hedonismus zu erkunden. All das soll uns dabei helfen, eine reife und vernünftige Position zu entwickeln, ohne unseren Liberalismus aufzugeben.

Smith, Malthus, Darwin: Der Wettbewerb in Wirtschaft und Biologie

Im Mittelpunkt von Adam Smith’ Theorien steht eine natürliche Selbststeuerungsfunktion des Marktes, die als unsichtbare Hand bezeichnet wird. Die Marktteilnehmer stehen im ständigen Wettbewerb miteinander und müssen sich daher ständig verbessern – zudem sind sie einer stetigen gegenseitigen Abhängigkeit unterworfen. Der Einzelne muss sich mit seinem Angebot also dem Marktgeschehen anpassen.

Mit dieser Idee prägte Smith aber nicht nur unser heutiges ökonomisches Verständnis. Thomas Malthus rezipierte und erweiterte Smith’ Ideen um den struggle for existence – also der Idee von einem Überlebenskampf. Diese Idee des Überlebenskampfes ließe sich in rein wirtschaftlicher Hinsicht überspitzt ausgedrückt als Überlebenskampf eines Unternehmens im Haifischbecken des Raubtierkapitalismus verstehen. Aber Malthus meinte damit tatsächlich einen Überlebenskampf und weitete Smith Ideen auf eine sehr grundlegende – ja geradezu biologische Ebene aus, indem er inspiriert durch Smith seine Bevölkerungstheorie entwickelte.

Um Malthus’ Ideen näher zu verdeutlichen, hilft diese wohl radikalste und umstrittenste seiner Aussagen, die er später schlussendlich auch wieder zurücknahm: „Ein Mensch (…), der in einer schon okkupierten Welt geboren wird, wenn seine Familie nicht die Mittel hat, ihn zu ernähren oder wenn die Gesellschaft seine Arbeit nicht nötig hat, dieser Mensch hat nicht das mindeste Recht, irgendeinen Teil von Nahrung zu verlangen, und er ist wirklich zu viel auf der Erde. Bei dem großen Gastmahle der Natur ist durchaus kein Gedecke für ihn gelegt. Die Natur gebietet ihm abzutreten, und sie säumt nicht, selbst diesen Befehl zur Ausführung zu bringen.“

Ja, diese Aussage mutet geradezu „sozialdarwinistisch“ an, doch so hätte niemand Malthus Ideen zur damaligen Zeit bezeichnet, da der Darwinismus selbst erst noch entstehen musste. Denn von Malthus und auch von Smith selbst ließ sich niemand geringeres als Charles Darwin inspirieren, der Malthus’ Werk schon in früher Jugend las und dessen Denken von ihm sehr geprägt wurde. Also nicht Malthus ließ sich vom Darwinismus inspirieren, sondern Darwin ließ sich von Malthus inspirieren, der sich wiederum von Adam Smith inspirieren ließ. Und so übernahm Darwin Malthus‘ Idee vom struggle for existence – vom Überlebenskampf und der daraus resultierenden natürlichen Selektion – der Auslese, die den Angepassten überleben und den Unangepassten aussterben lässt. Den ursprünglich noch bei Smith rein wirtschaftlichen Wettbewerb der Marktteilnehmer übertrug Darwin inspiriert von Malthus schließlich auf einen Wettbewerb der Arten. Ja, so wird deutlich, dass Evolution und unsichtbare Hand nichts Anderes als Ausdruck desselben Prinzips auf unterschiedlichen Feldern sind. Vereinfacht lässt sich vom Prinzip des Wettbewerbs sprechen.

Von Smith zu Stirner: Wie gemeinnützig ist Eigeninteresse?

Smith‘ Werk wurde schließlich von einem Schüler Hegels ins Deutsche übersetzt, der unter dem Pseudonym Max Stirner bekannt wurde. Max Stirner ließ sich von Smith zu seiner Philosophie des Egoismus inspirieren und verfasste das Werk „Der Einzige und sein Eigentum“. 

Eines der bekanntesten Zitate von Smith lautet: „Wir erwarten, unser Mahl nicht wegen des Wohlwollens des Metzgers, Brauers oder Bäckers zu erhalten, sondern weil sie auf ihr eigenes Interesse achten“ und Smith geht noch weiter: „Wer sein eigenes Interesse verfolgt, befördert das der Gesamtgesellschaft häufig wirkungsvoller, als wenn er wirklich beabsichtigt, es zu fördern. Ich habe nie erlebt, dass viel Gutes von denen erreicht wurde, die vorgaben, für das öffentliche Wohl zu handeln.“

Stirner brachte nun in seiner Philosophie diese Ideen auf die Spitze, indem er den reinen Egoismus zur wünschenswerten Moral und den Staat als Vertreter des Gemeinwohls zum absoluten Feind des Einzelnen und seines Eigentums erklärte. Eine Haltung, die vergleichbar mit einer „Steuern sind Raub“-Mentalität ist. Er gilt mit seiner radikalen Staatsfeindlichkeit auch als der häufig verschwiegene Vater des Anarchismus.

Bild: Max Stirner gilt als einer der radikalsten Liberalen und Vordenker der Moralphilosophie des Egoismus, sowie auch des Anarchokapitalismus. Außerdem prägte er entscheidend Friedrich Nietzsche mit.

Von Stirner zu Nietzsche: Egoismus und der Wille zur Macht

Einer, der die Abstammung von Stirner auch verschwieg und dem daher vorgeworfen wird, plagiiert zu haben, ist Friedrich Nietzsche. Seine Ausführungen ähneln Stirners Ideen teilweise so stark, dass er sich diesen Vorwurf wohl oder übel gefallen lassen muss. Immerhin erweiterte Nietzsche den Egoismus Stirners zu einem Willen zur Macht des Einzelnen und erklärte diesen zur Herrenmoral des Übermenschen in Abgrenzung zur Sklavenmoral.

Seine Ideen zum Willen zur Macht erinnern uns wiederum auch sehr stark an die Ideen der Evolutionstheorie – das Leben als ein Fressen oder gefressen werden. So erklärt Nietzsche: „Leben lebt immer auf Kosten anderen Lebens“ und das bedeute, dass der Eine stets über den Anderen Macht gewinnen wolle: „Diese Welt: ein Ungeheuer von Kraft, ohne Anfang, ohne Ende […] ist der Wille zur Macht –- und nichts außerdem! Und auch ihr selber seid dieser Wille zur Macht – und nichts außer dem“, und so wird das ganze Leben in Nietzsches Philosophie zum Machtkampf: „Überall wo Leben ist, da ist Wille. Nicht Wille zum Leben, sondern Wille zur Macht.“

Klingt das nicht nach Darwin nur in anderen Worten? Nun ja, der Apfel fällt bekanntlich nicht weit vom Stamm, und so erkennt Nietzsche: „Einst war der Mensch Affe und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe, als irgendein Affe.“

Er stellt in den Mittelpunkt seiner Philosophie des Willens zur Macht nicht nur die Macht, sondern auch das Wollen und folgt damit einer Idee der Freiheit: „Wollen befreit: das ist die wahre Lehre von Wille und Freiheit.“ 

Er formulierte damit eine Idee der Freiheit, die auch im modernen Okkultismus eine große Rolle spielt. So drückte der wohl bedeutendste Okkultist des 20. Jahrhunderts und Erfinder des modernen Satanismus Aleister Crowley jene Idee in folgendem Mantra aus: „Do what thou wilt shall be the whole of the Law“ – „Tue was Du willst, soll das ganze Gesetz sein“. Daraus spricht eine geradezu schon hedonistisch anmutende Bejahung der Freiheit. Und so wird der Wille zur Freiheit zu einer eigenen Moral, jenseits von scheinbar freiheitseinschränkenden moralischen Dogmen. Eine Idee amoralischer Anomie, wie sie Durkheim als Folge des Rückgangs religiöser Normen und Werte beschrieb? Nietzsches Umwertung aller Werte als Werteverfall hin zu einer entwurzelten Gesellschaft?

Dialektik als Wettbewerb der Ideen: Stirner vs. Marx

Aber zurück zu Stirner und dem Einzigen und seinem Eigentum. Bekanntlich war Stirner ein Schüler Hegels. Hegel wiederum begründete die Idee der Hegelschen Dialektik. Nach dieser Idee soll durch das Setzen von These und Antithese eine Auseinandersetzung entstehen, die zu einer höheren Erkenntnis führt. Daraus resultiert dann kein Wettbewerb der Marktteilnehmer oder Arten, sondern ein Wettbewerb der Ideen. So wird jeder These aus Prinzip eine Antithese entgegengesetzt und aus diesem philosophischen Duell soll eine noch wahrhaftigere Wahrheit gewonnen werden. Stirner gründete mit anderen Schülern Hegels den Kreis der Junghegelianer, die sich „Die Freien“ nannten. Ganz dem Prinzip der Dialektik entsprechend bestand dieser auf der einen Seite aus Liberalen rund um Stirner und auf der anderen Seite aus Sozialisten. Zu diesen Sozialisten gehörten keine Geringeren als Marx und Engels. 

Stirners Egoismus und Anarchismus war die These, zu der die Sozialisten die Antithese bildeten. So verfassten Marx und Engels ein Pamphlet gegen Max Stirner unter dem Titel „Sankt Max“. Dieses macht ganze zwei Drittel der Schrift „Die deutsche Ideologie“ aus, die als Schlüsselwerk des Historischen Materialismus gilt. Stirner scheint besonders Marx politisiert zu haben. So nannte dieser Stirner den „hohlsten und dürftigsten Schädel unter den Philosophen“, womit er sich über die geradezu primitive Einfachheit des Egoismus mokierte.

Marx und Engels lieferten schließlich mit dem Marxismus auch einen Gegenentwurf zu Stirners radikalen liberalen Ideen. Die Wurzel eines Konflikts, der rein philosophisch seinen Anfang nahm und schließlich im globalen Kalten Krieg den Höhepunkt erreichte.

Ob der geradezu konservativ anmutende und von einigen als preußischer Staatsphilosoph abgestempelte Hegel sich jemals hätte vorstellen können, dass seine Idee der Dialektik sich schließlich in unserer heutigen Weltordnung in dieser Form ausdrückt? Seitdem scheint das Soziale und Freiheitliche einen Widerspruch zu bilden. Wie und wo wollen wir uns positionieren?

Dieser Beitrag ist als Auftakt einer Beitragsreihe gedacht. Der Beitrag spiegelt die Meinung des Autors, nicht notwendigerweise jene der Organisation wider. Dieser Blog bietet eine Plattform für unterschiedliche liberale Ideen. Du möchtest auch einen Artikel beisteuern? Schreib uns einfach eine Mail: redaktion@derfreydenker.de!

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