Atomkraft bedeutet weniger Putin und besserer Klimaschutz!

von Alexandre Kintzinger

Die Abhängigkeit von russischem Gas wird für Deutschland zunehmend zu einem geostrategischen Risiko. Nuklear-Energie wäre nicht nur klimatechnisch eine bessere Alternative gegenüber dem Gas, sondern Deutschland könnte auch in seiner Energieversorgung unabhängiger werden. Zur Wiederinbetriebnahme der Atomkraft müssten jedoch einige Narrative abgebaut werden. Der Artikel wurde zuerst bei firstlife veröffentlicht und wird hier mit freundlicher Genehmigung wiederveröffentlicht.

Die EU-Taxonomie-Debatte um die Einstufung von Gas und Atomkraft als grüne Energien schien in Deutschland schon fast verdrängt. Länder, wie Frankreich, vertraten eine andere Meinung in der Sache. Doch Deutschland lässt sich dennoch nicht von seinem Kurs abbringen, den frühen Atomausstieg anzupeilen. Gas sollte „notgedrungen“ eine „Brückenlösung“ sein, bis zum Zeitpunkt wo die hundert Prozent Marke bei den Erneuerbaren Energien erreicht werde. FDP-Chef Christian Lindner nannte die Erneuerbaren Energien noch „Freiheitsenergien“, da sie Deutschland Unabhängigkeit in Energiefragen garantieren könnten. Dieses Szenario ist sicherlich irgendwann erreichbar, doch derzeitig können die erneuerbaren Energien noch nicht das liefern, was notwendig ist. Lindners Freiheit verfliegt somit wieder ganz schnell.

Keine Denkverbote, doch ein großes „Aber“

Ausgerechnet Robert Habeck redete davon, dass es keine „Denkverbote“ geben dürfe. Er ist zwar nicht explizit für eine Laufzeitverlängerung oder gar für eine Wende in der deutschen Nuklearpolitik. Dennoch sollte eine Laufzeitverlängerung der restlichen drei deutschen Atomkraftwerke angesichts der aktuellen geopolitischen Lage nicht mehr umfänglich ausgeschlossen werden. Auf Forderungen einer Laufzeitverlängerung der restlichen in Betrieb stehenden AKWs, wie von Markus Söder, reagierten Umweltministerin Steffi Lemke sowie auch Robert Habeck ablehnend. Ihre Begründungslogik gegen einen sogenannten „Atomausstiegsstopp“ fußt darauf, dass die Rolle des Atomstroms bei der Energieversorgung irrelevant sei. Sie verwiesen dabei zudem auf die üblichen Sicherheitsbedenken.

Einer, der sich schon seit längerer Zeit gegen solche Narrative wehrt, mit denen die Gegner*innen der Atomkraft ständig argumentieren, ist Simon Friederich. Friederich ist u.a.  Professor für Wissenschaftsphilosophie an der Universität Groningen. Er ist zudem Mitbegründer und Vorsitzender der deutschen Gesellschaft für Ökomodernismus.  „Ökomodernisten“ möchten eine Reform der aktuellen Klimaschutzpolitik und Debatten fördern, die neue Ansätze für „Energie, Rohstoffe und Landwirtschaft“ diskutieren.

Für Simon Friederich hat die Atomkraft „unter allen Technologien der Energiegewinnung den vielleicht kleinsten ökologischen Fußabdruck“. Konkret meint er damit den Ressourcen- und Flächenverbrauch wie auch, dass der Bedarf nach neuen Leitungen und Speichern geringer sei als bei erneuerbaren Energien. Zudem sei Atomkraft für ihn eine sichere Technologie. Diese Ansicht werde auch im Report des Forschungszentrums der Gemeinsamen Forschungsstelle (JRC ) der EU hervorgehoben. 

Die Frage, die sich in der Debatte um die Nuklearenergie aufdrängt, ist, warum es den Grünen so schwer fällt die Kernenergie wenigstens als Übergangstechnologie anzuerkennen? Angesicht der aktuellen Lage besteht ein Handlungsdruck, nicht nur wegen der Situation in der Ukraine, sondern auch aufgrund der Dringlichkeit, die Klimaziele möglich schnell zu erreichen, indem die CO2-Eimissionen gesenkt werden müssen.

Gefangen in ideologischen Narrativen

Die Redaktion der Grünen findet Friedrich einerseits völlig rational, nämlich „die Abschaltung von Kernkraftwerken zur obersten Priorität zu machen“, denn ihnen geht es darum, „irgendwann nur noch erneuerbare Energien nutzen“. Auch für ihn ist es aufgrund der Klimakrise klar, „dass wir uns irgendwann von fossilen Energien verabschieden müssen.“

Die Haltung der Grünen, keine Diskussionen bezüglich der Verwendung der Atomkraft zuzulassen, führt Friederich darauf zurück, dass bei den Grünen die Angst besteht, dass diese Technologie jederzeit wieder zurückkommen könnte. Denn der Druck, „auf Kohle und Gas zu verzichten, wird immer größer werden. Aber umgekehrt wird der Druck, Kernenergie einzusetzen immer größer werden, je akuter das Klimaproblem wird.“ Wenn daher die Nuklearindustrie jetzt nicht abgeschafft werde, so bestehe, aus Sicht der Grünen, die Gefahr, wie Friederich meint, „dass sie nach einer Durststrecke doch wieder auferweckt wird, und dass dann das bewährte Know-How es Deutschland oder anderen Ländern doch wieder erleichtert, auch neue AKWs zu bauen.“ Die Grünen müssen daher öffentlichkeitswirksam verständlich machen, „dass erneuerbare Energien die einzige Option sind, denn wenn die Kernenergie nun am Leben gelassen wird, wird man sie am Ende nicht mehr los“, so Friederich.

Die Kernenergie „als legitime Antwort auf die Energiefrage der Menschheit anzusehen, ist für die Grünen ungeheuer schwierig“, meint Friederich, denn es bedeute, „die eigene Geschichte als großen Fehler anzusehen.“  Für ihn ist klar, hätte es die Anti-Atom-Bewegung nicht gegeben und wäre auf den Klimawandel seit den 1980er Jahren mit neuen AKWs reagiert worden, so „wäre der Strom jetzt CO2-frei“. Friedrich meint sogar, dass die Grünen „vermutlich mehr zum Überleben der Stromerzeugung durch fossile Brennstoffe getan hätten als die fossile Lobby“ und dies mache es deswegen extrem schwer, „den Widerstand gegen die Kernenergie nun als Fehler anzusehen“. Denn dies würde bedeuten, so Friederich, „dass sie sich selbst als “Verursacher” des Klimawandels sehen müssten, und das wäre natürlich sehr unangenehm“.

Simon Friederich geht jedoch noch einen Schritt weiter, denn am Begriff der „Übergangstechnologie“ stößt er sich. Seiner Ansicht nach gäbe es keinen Grund, die Kernenergie nur als Übergangstechnologie anzusehen. Er meint dazu, dass Uran reichlich vorhanden sei, und werde „wohl irgendwann aus Meerwasser kommerziell gewinnbar, oder die Ausbeute lässt sich mit Brutreaktoren vervielfältigen.“ 

Uran ist reichlich da – auch in Demokratien

Nach der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung der Industrieländer (OECD) reichen die weltweiten Uranreserven, gemessen nach dem heutigen Verbrauch, noch für 135 Jahre aus. Kritiker*innen würden nun einwenden, dass wir uns als Westen dann wieder von autokratischen Regimen wie Russland oder Kasachstan abhängig machen würden, da diese über die meisten Reserven verfügen. Dem kann aber entgegnet werden, dass beispielsweise demokratische Staaten wie Kanada, Australien oder Südafrika zusammen über weit mehr Uranvorkommen verfügen als die beiden genannten Autokratien.

Zudem kann die EU für zukünftige Uran-Handelsabkommen bestimmte Menschrechtskriterien in den jeweiligen Ländern als Bedingung voraussetzen für ein Zustandekommen der Verträge. Dies mag angesichts älterer EU-Handelsabkommen, wo es erhebliche Defizite gab, utopisch klingen. Doch angesichts der aktuellen Weltlage mit Blick auf Russland und auch China, sollte die EU wohl daraus gelernt haben, dass Handel ohne Menschrechte nur wirtschaftspolitisches ‚Appeasement‘ ist. Dies führt dann wiederum nur dazu das Probleme aufgeschoben werden und die unbeabsichtigten Folgen die sich daraus ergeben, führen dann möglicherweise in die nächste geopolitische Katastrophe.

Mit Technologie und Fortschrittsoptimismus gegen die Probleme unserer Zeit

Die Debatte legt dar, dass um die Nützlichkeit der Kernkraft mit kritischer Rationalität sowie mit Fortschrittsoptimismus geführt werden muss. Veraltete Narrative, emotionale Rechthaberei, die nur dazu dient, eigene Ansichten zu untermauern oder die Gefühle der eigenen Anhängerschaft zu bedienen, sind wenig zielführend. Äußerliche Notwendigkeiten, die sich aus der Umwelt ergeben, dürfen die Menschheit nicht dazu veranlagen, sich ständig in ideologischen Grabenkämpfen mit politischem „Klein-Klein“ zu beschäftigen.

Fundamentale Fragen, wie die Klimakrise oder die Zukunft der Energieversorgung, betreffen Milliarden von Menschen. Darunter viele Menschen, die nicht an diesen intellektuellen Diskursen, die oftmals in „Blasen“ geführt werden, teilhaben können. Ein gewisser Pragmatismus, der frei von Lobbyinteressen sein sollte, egal von woher oder von welcher Seite diese kommen, ist zudem wichtig für das Vertrauen in die Demokratie. Wenn die Möglichkeit besteht, dass die Atomkraft ein Teil dieses pragmatischen Konsens sein kann, dann sollte auch über dieses Thema offen diskutiert werden.

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1 Kommentare

Jörg Linnig 16. August 2022 - 16:45

Um dann Uran in Russland zu kaufen?

Antworten

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