Verstehen statt Empören

von Vincent Czyrnik

Franziska Giffey schummelte bei ihrer Doktorarbeit, weil sie faul war. Markus Anfang fälschte seinen Impfpass aus Mangel an Solidarität. Auf das Fehlverhalten anderer Menschen reagieren wir schnell empört. Doch schaffen es nur wenige Menschen, über die Empörung hinaus zu denken – und damit über innere Zielkonflikte nüchtern zu reflektieren.

Ein Mann steht mit Rollkoffer vor einem Gefängnis in Aachen. Der Grund: Er will zurück. Nach 17 Jahren Knast sehnt er sich nach den warmen Gemäuern. Vor einem Jahr wurde er entlassen, doch das Leben da „draußen“ sei ihm zu unsicher, er fühle sich „drinnen“ einfach wohler. Da das Gefängnis seine Bitte ablehnt, droht der 64-Jährige mit einem erneuten Banküberfall. 

Eine wahre Geschichte, die sich erst vor gut zwei Jahren so abspielte. Was treibt diesen Mann an? Er fühlte sich im Knast sicher. Dort ist die Miete bezahlt, das Zimmer warm und es gibt regelmäßig Essen. Außerhalb muss er sich mit Hartz-4-Anträgen plagen, womöglich sogar arbeiten und sich in das „normale“ Leben einfinden. Sein Wunsch nach Gemütlichkeit macht ihn nun vielleicht zum erneuten Bankräuber.

So verrückt diese Geschichte sein mag – so menschlich ist sie auch: Um unsere Wünsche zu erfüllen, sind wir bereit, zu schummeln, zu tricksen, zu betrügen oder gar zum Straftäter zu werden.

So schreibt das Leben noch mehr Geschichten, in denen Menschen unmoralische Taten begingen, um ihrer Gemütlichkeit zu frönen, Karriere zu machen oder einfach nur in Ruhe zu leben. Hierzu gesellen sich zwei aktuelle Beispiele:

  • Markus Anfang, der damalige Trainer von Werder Bremen, fälschte seinen Impfpass, um seine Freiheiten „zurückzuerlangen“. Er nahm mit dem Pass am Kölner Karneval teil, den eigentlich nur Geimpfte und Genese miterleben durften. Auch entging er beim Training und den Spielen der Testpflicht, weil er ja als Geimpfter galt. Als sein Vergehen bekannt wurde, trat er im November 2021 von seinem Traineramt zurück. Nun droht ihm ein Berufsverbot.
  • Franziska Giffey musste im Mai 2021 ihren Posten als Familienministerin räumen, als sich herausstellte, dass sie in ihrer Doktorarbeit Plagiate verwendete. Auch in ihrer Masterarbeit soll sie unsauber gearbeitet haben. Sie selbst beteuerte, dass die Fehler „weder beabsichtigt noch geplant“ waren. Allerdings fand man auf 76 von den 205 Seiten Plagiatstext – was auf eine gewisse Intention zu schummeln schließen lässt. Heute ist sie regierende Bürgermeisterin von Berlin. 

Schnell wurde gegen Anfang und Giffey medial gehetzt. Die BILD schrieb: „Dreister geht’s nicht, Markus Anfang“; und das ZDF titelte: „Markus Anfang – absurd, dämlich, gefährlich“. Mit Franziska Giffey wurde in der Mainstream-Presse noch behutsam umgegangen: In der FAZ meinte Heike Schmoll: „Giffey ist und bleibt eine Karrieristin“. Auf Twitter oder an den Stammtischen wurde über sie weniger sanft geurteilt. 

Sind Markus Anfang und Franziska Giffey schlechte Menschen?

Menschen lügen, täuschen und schummeln, weil sie einen inneren Zielkonflikt erleben: Viele fühlen den Wunsch, in einem warmen Zimmer zu leben, Karriere zu machen oder einfach zum Karneval zu gehen. Für einen jahrelangen Knasti sind die Herausforderungen des normalen Lebens nur schwer zu bewältigen; für Giffey war das Schreiben einer sauberen Doktorarbeit eventuell eine zu große Last; und für Markus Anfang war es schwierig, die potenziellen Nebenwirkungen der Impfung in Kauf zu nehmen und zudem weiter die Gängelei der Ungeimpften auszuhalten. Sie alle entschieden sich für den Normbruch und wählten den für sie leichteren, aber den scheinbar „unmoralischen“ Weg. 

In vielen löst  ein solches Fehlverhalten Empörung aus. Schnell wird verurteilt, und die Menschen werden gesellschaftlich weggeschubst. Mit so einer oder so einem will ich nichts zu tun haben! 

Andere bringen zumindest ein bisschen Verständnis auf: Vielleicht erinnert man sich daran, wie man in der Schule mal in Mathe abgeschrieben hat und man kennt die Herausforderung des wissenschaftlichen Arbeitens. Ein anderer ist genervt vom paternalistischen Umgang mit Ungeimpften und findet das derart unfair, dass er die mitunter illegalen Auswege der Ungeimpften versteht. Und vielleicht kann sich auch jemand vorstellen, wie schwer das „normale“ Leben für einen Menschen nach über 10 Jahren Gefängnisalltag sein muss. 

Auch wenn wir in solchen Situationen anders gehandelt hätten: Eine Franziska Giffey, ein Markus Anfang und der Mann, der zurück in den Knast wollte, hatten ihre Gründe – ob nun gute oder schlechte –, warum sie sich für den scheinbar unmoralischen Weg entschieden. 

Das System ist schuld

Es ist ein Leichtes, für das eigene Fehlverhalten relativierende Gründe zu finden. Eine Franziska Giffey wollte politische Karriere machen und wusste, dass ein Doktortitel ihr da sehr helfen würde. Warum sie dann schummelte? Ihr war die wissenschaftliche Norm nicht so wichtig. 

So plump dieser Grund sein mag, so verständlich kann er auch sein. Wir können uns über den ermogelten Doktortitel lange echauffieren, wir können  den Fall Giffey aber auch als Anlass zum Diskutieren nehmen: Ist der gesellschaftliche Fokus auf akademische Abschlüsse wirklich stets sinnvoll?

Um Karriere zu machen, braucht man sehr häufig universitäre Abschlüsse. Längst haben die Abschlüsse ihren Selbstzweck verloren und nur wenige Studierende leben die akademischen Ideale. Es geht um Noten und das Prestige der Universität; später um relevante Praktika und Kontakte. Selbst ein Platz in wissenschaftlichen Journals kann erkauft werden. 

Ein System ohne Selbstzweck ist korruptionsanfällig. Die Wissenschaft ist ein Segen für die Menschheit, aber das universitäre System hat über die Zeit seine Schwächen entwickelt. Daher sollten wir beim Fall Giffey etwas weiter denken, als einer einzelnen Frau alle Schuld in die Schuhe zu schieben. Giffey ist ein Kind des universitären Systems, welches versagt hat, ihr die wichtigen Ideale zu vermitteln; und sie ist auch Kind einer Gesellschaft, die universitären Abschlüssen zu viel Bedeutung beimisst.

Ähnlich verhält es bei dem aktuellen Impfdruck: Wenn man nur als Geimpfter oder Genesener an Veranstaltungen wie dem Kölner Karneval teilnehmen kann, dann schafft das einen starken Anreiz, sich a) impfen zu lassen, sich b) absichtlich mit Corona zu infizieren und c) seinen Impfpass/Genesenenausweis zu fälschen. 

Nachdem die Politik versagt hat, eine Vertrauensbeziehung vieler Bürger zu den Impfstoffen aufzubauen, versucht sie es nun mit Nudging oder gar Ausgrenzung: Impfverweigerer sollen angeschubst – oder besser: raus aus der Gesellschaft geschubst werden, bis sie sich impfen lassen. Da das nur mäßig funktioniert, soll nun eine Impfpflicht her. 

Nur wenige stellen infrage, ob in der Pandemie die Lockdownbrecher und Ungeimpften wirklich das einzige Problem sind – oder ob nicht ein staatlich-gesteuertes Gesundheitssystem Corona zur Katastrophe gemacht hat. Auf einen Arzttermin kann man mitunter ein halbes Jahr warten, in den Corona-Jahren 2020 und 2021 wurden sogar Intensivbetten abgebaut – aufgrund Personalmangels. Nun wird eine Impfpflicht für medizinisches Personal den Fachkräftemangel weiter verstärken. 

Die Corona-Politik sah nur selten vor, alle Anstrengung darauf zu richten, das Angebot an Krankenhausbetten, Ärzten etc. zu erweitern. Stattdessen wurde und wird versucht, mit teils unmenschlichen Mitteln die Menschen „gesund zu halten“ – mit dem Ziel, den Bedarf an medizinischer Versorgung zu reduzieren. Dass das mit erheblichen Nebenwirkungen einhergeht – eine Impfpflicht für medizinisches Personal führt zu weniger medizinischen Personal –, wird von der breiten Öffentlichkeit verdrängt. Und noch schlimmer: Die Bürger bekommen die Effekte der politischen Fehlentscheidungen zu spüren, was logischerweise zu Unruhen führt.

Der Mann, der zurück in den Knast wollte, müsste sich demnächst einfach nur nicht impfen lassen. Doch ist dieses Beispiel auch Sinnbild eines überholten Systems: Die gesellschaftlichen Institutionen scheitern, Menschen in der Mitte der Gesellschaft zu halten bzw. sie wieder zu integrieren.

Was hilft?

Die moderne Gesellschaft muss es schaffen, alle – und damit meine ich alle – Menschen zu integrieren, und sie muss das ernsthaft und ausnahmslos versuchen. Das mag pathetisch klingen, entspricht aber der einzigen Lösung, um das friedliche Zusammenleben langfristig zu sichern. 

Jeder Mensch sieht sich mit inneren Zielkonflikten konfrontiert. Gleichermaßen verhält es sich mit der Gesellschaft als Ganzes. Diese kann man nur überwinden und entsprechend eine moralische Entscheidung fällen, wenn man nachdenkt, statt sich zu empören. Der Wunsch nach schnellen Lösungen, wie eine Karrieristin Giffey aus der Politik und den Impflügner Anfang aus der Gesellschaft zu verbannen, ist eine bestenfalls kindliche Lösung.

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