Der Narzisst lebt auf Kosten anderer – und denkt, es geht nur so

von Vincent Czyrnik

Angeberisch, selbstverliebt, manipulativ – Narzissten mag niemand. Oder doch? Schließlich sind sie scheinbar erfolgreicher, steigen in hohe Karriereposten auf oder werden als Stars von Abermillionen angehimmelt. Instagram, TikTok & Co. sind die perfekte Bühne für selbstverliebte Menschen, sodass einige Psychologen unsere Gesellschaft bereits als narzisstische Gesellschaft bezeichnen. Ein Grund zur Sorge?

Ein Mensch mit Narzisstischer Persönlichkeitsstörung leidet unter einem schwankenden und verletzlichen Selbstwertgefühl, welches mithilfe von Aufmerksamkeit und Anerkennung kompensiert wird – so steht es in der Bibel der Klinischen Psychologie, dem DSM-5. Um Anerkennung zu bekommen, verfolgen diese Menschen eifrig ihre persönlichen Ziele und das zumeist auf Kosten anderer. In der narzisstischen Welt gilt survival of the fittest; wenig füreinander, viel gegeneinander. Kurzum: Ellenbogengesellschaft.

Wichtig hierbei: Hier ist von der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung die Rede, nicht von Narzissmus allgemein. Denn die moderne Klinische Psychologie geht davon aus, dass jeder zu einem gewissen Grad selbstverliebt, manipulativ (wenn auch unbewusst) oder angeberisch (und sei es durch falsche Bescheidenheit) ist. Sprich: Jeder ist irgendwie Narzisst. Doch ein waschechter Narzisst besitzt ein pathologisch schwaches Selbstwertgefühl, zeigt sehr wenig Empathie, geht nur oberflächliche zwischenmenschliche Beziehungen ein – und übertüncht das Ganze mit Grandiosität und Anerkennungsgier.

Doch werden gefühlt immer mehr Menschen pathologisch narzisstisch. Grandiosität zeigt man auf Instagram, oberflächliche Beziehungen gibt’s auf Tinder, auf Twitter wird häufig empathielos beleidigt und die zunehmenden psychischen Erkrankungen deuten auf ein kollektiv schwaches Selbstwertgefühl hin.

Narzissmus als Anpassungsstörung

Nach Anerkennung oder Grandiosität zu streben ist ein legitimer Wunsch. Jeder braucht in einer Art und Weise Anerkennung, und ich wünsche jedem, sich mehrmals täglich grandios, also großartig zu fühlen.

Das Problem entsteht erst, wenn das Bedürfnis nach Anerkennung oder Grandiosität unersättlich ist. Ein Narzisst fühlt sich nur wenige Minuten gut, nachdem sie oder er auf Instagram eine Rekordzahl an Likes kassiert oder auf Twitter seiner Empörung Luft gemacht hat. Kurze Zeit später folgt ein Gefühl von innerer Unruhe, Getriebensein, einem tiefen inneren Mangel.

Der Narzisst lernte früh in seiner Kindheit, dass er ständig auf der Hut sein muss, um das zu bekommen, was er will und braucht. Mit Gelassenheit die Schule meistern? Aus purer Freude zum Klavierunterricht gehen? Zum Fußballtraining, um mit Freunden zu kicken – und nicht um eines Tages der Beste zu sein? Fehlanzeige.

Das liegt daran, dass er nur die Anerkennung seiner Eltern bekommt, wenn er deren Vorstellungen erfüllt. Ein Kind narzisstischer Eltern muss die narzisstischen Bedürfnisse der Eltern erfüllen, sonst erhält es Liebesentzug. Das bedeutet: Narzisstische Eltern machen häufig narzisstische Kinder. 

Aber auch subtilere Umstände können Menschen zu kleinen oder großen Narzissten machen. Der Konformitätsdruck im modernen Schulsystem kann dazu führen, dass ein Kind kein eigenes Gefühl dafür entwickelt, wo es Talente besitzt und wo es sich aus eigenem Antrieb anstrengen möchte – mit der Folge, Erwachsene ohne intrinsische Motivation für ihre Sache zu erziehen. Solche Erwachsene brauchen stets die Anerkennung von außen.

Noch schlimmer wird es, wenn diese Kinder ein falsches Gefühl von Wettbewerb entwickeln: Für einige ist die Schulzeit wie das Spiel Reise nach Jerusalem, in der in jeder Runde einige Stühle verschwinden und sie immer auf der Hut sein müssen, den heiß ersehnten Platz zu ergattern. Und wer verliert, verliert auch jede Anerkennung. Menschen, die keine guten Noten schreiben oder gar die Schule nicht schaffen, bekommen keinen Platz mehr – und sie haben auch später weniger Chancen, ein gesellschaftlich-anerkanntes Leben zu führen.

Einige „erfolgreiche“ Kinder bekommen dann das Gefühl, dass sie nur erfolgreich sein können, wenn andere scheitern.

Narzissmus als Problem für unsere Gesellschaft

Ein solch narzisstischer Glaubenssatz ist fatal für das Leben in einer Gesellschaft. Viele denken Win-Lose: Ich gewinne, wenn du verlierst. Oder sie denken Lose-Win: Wenn ich scheitere, dann muss jemand anderes gewonnen haben. Dies schafft ein permanentes Gefühl von Ausbeutung. 

Eine narzisstische Gesellschaft spielt permanent Squid Game, die neue koreanische Netflix-Serie mit rekordverdächtigen Zuschauerzahlen. Dort werden (Kinder-)Spiele gespielt, bei denen es um Leben und Tod geht und am Ende nur einer gewinnt – das heißt: Nur der Gewinner behält sein Leben und ergattert das Preisgeld in Millionenhöhe. Sicher ist dieser Vergleich überspitzt, aber er beschreibt vielleicht die Konsequenz, wenn man das narzisstische Weltbild zu Ende denken würde. 

Das Gegenteil von Win-Lose, Lose-Win oder gar Lose-Lose ist Win-Win. Das mag pathetisch klingen und erinnert an marktwirtschaftlichen Idealismus. Doch geht ein gesunder Mensch nur eine (Geschäfts-)Beziehung ein, in welcher sie oder er einen Vorteil für sich erkennt. Und das ist menschlich und in keiner Weise narzisstisch. Letzteres wird es erst, wenn wir dabei bewusst anderen schaden – und glauben, wir könnten nur so unsere Bedürfnisse erfüllen. 

Narzissmus und Diskussionskultur

Auch wenn es normal erscheint: Die politischen und gesellschaftlichen Debatten sind geprägt von Menschen, die zumindest teilweise narzisstisch denken. Sie denken in Gegensätzen: Entweder wird das Ziel meiner Gruppe durchgesetzt oder das Ziel der anderen Gruppe. Ein Lösung mit Vorteilen für beide Gruppen scheint alternativlos.

Doch schränkt ein solches Denken das Finden einer Lösung massiv ein. Die Debatte wird zu einem regelrechten Kampf, bei dem nur einer gewinnen kann. Wir könnten ja Lösungen finden, mit welchen alle glücklich sind? Oder uns zumindest auf einen Kompromiss einigen? Nein! Wer narzisstisch denkt, der meint: Es gibt nur eine Lösung – nämlich seine Lösung. Und die ist mitunter radikal. 

Zum Abschluss möchte ich den Leser oder die Leserin (der/die bis hierhin gekommen ist, danke dafür!) mit drei aktuell sehr geläufigen Aussagen konfrontieren, die durchaus auf eine narzisstische Sicht der Welt hinweisen könnten. Vielleicht regen sie zum Nachdenken an, vielleicht stiften sie anfangs Verwirrung. Ich lasse sie (vorerst) unkommentiert:

  • Mein Bedürfnis nach Sicherheit (und das meiner Wählerschaft) kann nur erfüllt werden, wenn sich andere dafür einschränken (Corona-Krise). 
  • Wir können nur ärmeren Ländern helfen, indem wir auf unseren Wohlstand verzichten. 
  • Der Umwelt geht es nur gut, wenn wir weniger Kinder in Zukunft bekommen. 

Könnten wir bei diesen Debatten auf neue Lösungen kommen? Kommentiert gerne:

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