Sommer, Sonne, Freiheit?

von Max Remke

Seit dem Ende der libertären Kulturtage 2017 sind freiheitliche Freizeiten in Deutschland Mangelware. Stefan Griese möchte das mit dem Liberty Sunrise ändern. Aber ist die Szene bereit dafür?

Stefan Griese macht noch schnell eine Aufnahme für den Instagram-Kanal. Der Himmel über dem sauerländischen Braunshausen ist ein bisschen bewölkt, dafür das bewaldete Hügelpanorma sehenswert. Auch wenn hier und da an den Hängen der Borkenkäfer einige kahle Stellen zurückgelassen hat. Der Wind kommt schwungvoll von der Seite. Stefan ist Mitte 20, blond und stellvertretender Vorsitzender des Michael Gartenschläger Instituts, und die Wiese und Schützenhalle, die er da hinter sich abfilmt, ist sein erstes großes Projekt. Das Liberty Sunrise, das freiheitliche Sommercamp für junge Liberale und Libertäre. Es ist der erste Versuch für eine derartige Veranstaltung seit längerer Zeit. 

Vier Jahre zuvor: Sommer 2016, ein Campingplatz bei Kleve am Rhein. Im Hintergrund ist überdeutlich der Strommast zu sehen, der die Wiese überragt. Darauf, etwas systemlos verteilt auf dem Grün: Bunte Wurfzelte. Mitten darin einige Biergarnituren mit vergnügt redenden Menschen. Die Stimmung ist gelöst, was sicher auch dem Flaschenbier geschuldet ist. Ein bisschen Herrenabend liegt in der warmen Luft. Es sind die vorletzten offiziellen libertären Kulturtage in Deutschland.

Im Jetzt wirft Stefan Griese inzwischen einen letzten Blick auf das dunkle, kuppelförmige Gebälk der Schützenhalle Braunshausen. Ein letztes Augenschweifen über die vielen beigen Tische, die noch etwas lustlos im Raum stehen. Die lange Corona-Pause scheint auch sie etwas müde gemacht zu haben. Stefan, ihr Betrachter, ist hingegen sehr wach am Planen: Wie viele LED-Lichter um der Halle Stimmung zu geben? Vielleicht ein großes Banner hinter der Tribüne: Ludwig von Mises, Ayn Rand und Michael Gartenschläger?

Im Kleve des Jahres 2016 wechselt die dokumentierende Kamera den Blick zur Bühne. Von roten Lichtspots hinterlegt bemerkt Jongleur und Ayn Rand-Übersetzer Philipp Dammer den Kameramann und ruft in die Halle „das wird auf YouTube hochgeladen“. Ausgelassene Stimmung antwortet ihm. Er strahlt viel Souveränität aus für eine Person mit Einrad in der Hand und einem großen Bananenmuster auf dem Anzug. Dann gibt er ab an „Den Martin“, der schlageraffinen Freiheitsfreunden vielleicht durch seinen Song „Steuern sind Raub“ vertraut sein könnte.

Verglichen mit den libertären Kulturtagen, die noch unter dem Motto „chillen – grillen – bieren“ daher kamen, nimmt sich Stefans Liberty Sunrise ernster aus. Die Webseite zeigt bereits ein beachtliches Workshop-Programm. Neben Theorie-Klassikern wie Objektivismus, Praxeologie und Freien Privatstädten steht viel Aktivismus und Praxis auf dem Programm: Social-Media-Arbeit, Straßenkampf in Hong Kong, Cryptos für Anfänger und sogar ein Tuning-Workshop. Selbst das Essen ist um Aufregung bemüht: Statt Spaghetti zeigt der Speiseplan Korean-Style Fried Rice und Full English Breakfast. Erst hier wird klar, wie groß, das Team sein muss, das sich hinter dem Sunrise verbirgt. Leute, die organisieren, umfangreiche Sicherheitskonzepte schreiben (Deutschland halt), Grafiker für die Webseite und Werbepostings.

Aber für wen arbeiten all diese Leute am Ende? Oder anders gefragt: Gibt es überhaupt einen Markt für ein radikal freiheitliches Jugend-Sommercamp in Deutschland? Immerhin sind die Zeiten der libertären Kulturtage lange gezählt. Und auch von den AnCap-Happenings stammt das letzte Lebenszeichen von 2016. Einzig die ef-Konferenz, das letzte offizielle Event, das wenigstens etwas Festivalcharakter  versprüht, ist geblieben. „Wir haben schon deutlich über 60 Voranmeldungen“, entgegnet der darauf angesprochene Stefan gut gelaunt: „Und unsere Kampagne läuft erst richtig an.“

Ein paar mehr Besucher müssen es aber noch werden. „Das Jugendsommercamp macht nur Sinn, wenn es viel weniger kostet, als all die akademischen Wochenendseminare.“, erklärt Stefan. Insgesamt 70 Leute braucht es für den Break-Even, 120 Leute sind die Kapazitätsgrenze der sanft geschwungenen Zeltwiese. „Die schaffen wir noch.“, ist Stefan überzeugt, „Wir haben ja noch Zeit bis zum August.“

Rein rechnerisch sollte das gut möglich sein: Students for Liberty, Mises-Institut, verstreute klassisch liberale Julis – und irgendwo müssen ja auch all die Leute leben, welche Markus Kralls “Bürgerliche Revolution” auf die Bestsellerliste gekauft haben. Aber zugleich scheint Libertarismus eher eine Philosophie für ältere zu sein. Und für Menschen, die sich selbst genügen. Lautet es nicht schon, auf der unter Libertären populären Gadsden-Flagge: “Don’t tread on me”? Oder anders formuliert: “Lass mich gefälligst in Ruhe?” Abseits der libertären Kulturtage haben Freizeiten wenig Tradition. Wenn, dann scheinen überzeugte Freiheitsfreunde eher dem klassischen Seminarwochenende zugeneigt. Woran orientiert man sich da überhaupt, wenn man so etwas auf die Beine stellt?

“Sind denn diese Events wie libertäre Kulturtage ein Vorbild?”, frage ich Stefan daher. Der lacht: “Naja. Wir haben sicher nicht vor wie auf den Kulturtagen mit selbstgebastelten Aluhüten zu posieren.” Tatsächlich erläutert er mir, wie das Sunrise aus einer eher linken Erfahrungswelt geboren ist: “Linke haben eigene Musik, eigene Kulturzentren, eigene Sommercamps, eigene Festivals wie etwa das Fusion. All diese Kultur – man nennt das auch vorpolitischer Raum – macht die Bewegung wie auch die Einzelnen stark.” Und warum sollte, was Linke können, nicht auch Libertäre können? Mit dieser Frage im Kopf lasse ich Braunshausen hinter mir. Vielleicht gibt es ihn ja doch, den libertären Wunsch nach Geselligkeit. Man muss ihn nur ein bisschen wachkitzeln.

Wer Interesse hat, findet alle Infos zum Liberty Sunrise unter: libertysunrise.de

Transparenzhinweis: Der Autor dieses Textes ist selbst Teil des Teams hinter Liberty Sunrise. Nach Beratung in der Redaktion sind wir aber zum Schluss gekommen, dass Liberty Sunrise als libertäres Event berichtenswert ist und in die Szenekolumne gehört. Der Autor hofft, dass trotz dieser Befangenheit die notwendige Restdistanz geblieben ist, von der diese Kolumne lebt.

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