Bildungsungleichheit durch Technologie beseitigen

von Alexandre Kintzinger

Chancengleichheit im Bildungssystem ist ein Garant für freie Selbstentfaltung und Wohlstand in unserer Gesellschaft. Die Pandemie verdeutlicht, dass es genügend Reformbedarf gibt. Technologie könnte ein Schlüssel gegen Ungleichheit sein.

Der deutsche Soziologe Max Weber schrieb einst: „Unterschiede in der Bildung sind heute […] zweifellos der wichtigste ständebildende Unterschied […]. Unterschiede der Bildung sind […] eine der allerstärksten rein innerlich wirkenden sozialen Schranken.“ 

Diese vor mehr als 100 Jahren getätigte Aussage besitzt immer noch Aktualität. In einer liberal geprägten Gesellschaft sollte die Beseitigung von Chancenungleichheit im Bildungssystem ein fundamentaler Konsens der Öffentlichkeit sein. Unabhängig von der sozialen Herkunft sollte jedem Schüler qualitativ hochwertige Bildung geboten werden, damit er oder sie sich in einem „fairen Wettbewerb“ beweisen können und das Bestmögliche aus sich herausholen dürfen.  

In einem im Juni 2020 veröffentlichten Aufsatz für das Münchener Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) kommt der Bildungsökonom Ludger Wößmann zum Ergebnis, dass „Kinder aus benachteiligten Verhältnissen und lernschwache Schüler*innen mit der Phase des Zuhauselernens besonders schwer zurechtkommen.“ Er folgert, dass Schulschließungen die Chancengleichheit in der Bildung gefährden und somit Ungleichheiten in der Gesellschaft vergrössern. Wößmann betont deswegen, dass es nun wichtig sei, effektives Lernen für alle Schüler durch eine Mischung aus Präsenz- und Distanzunterricht zu ermöglichen.

In Anbetracht dessen und mit Rücksicht auf die Pandemiesituation sollte abgewogen werden, ab wann der Präsenzunterricht wieder aufgenommen wird. „Homeschooling“ darf jedoch nicht nur als eine Ausnahmesituation gesehen werden, die lediglich eine Alternative darstellt zum klassischen Präsenzunterricht. In Zukunft sollten Homeschooling und Präsenzunterricht zu einem System verschmelzen, wo die digitale Lehre alle Bereiche des Lehrplans digital miteinander vernetzt. 

Die Digitalisierung der Schulen bedeutet nicht, dass allen Schülern ein Tablet zur Verfügung gestellt wird. Sinnvolle Vernetzung kann Lehrkräften beispielsweise Einblicke in die Lernfortschritte einzelner Schüler gewähren. In einem Interview mit der Bundeszentrale für politische Bildung erklärt der Erziehungswissenschaftler Aladin El-Mafaalani, dass Lehrkräfte gut darin sind während eines Klassenunterricht eine große Anzahl von jungen Menschen in eine Richtung zu lenken, andererseits aber Diagnostik und individuelle Förderung in diesem System auf der Strecke bleiben. Nach El-Mafaalani besitzen digitale Mittel deswegen ein großes Potenzial um gegen diesen Missstand vor zu gehen. Er stellt die Frage in den Raum, „wie man digitale und analoge Formen des Lernens in der Schule ineinander verschränkt […].

Ein an El-Mafaalani angelehntes Bildungssystem könnte man sich so vorstellen, dass ein modernes, KI-gestütztes Lernprogramm erkennen könnte, wo einzelne Schüler, beim Lösen von Aufgaben auf ihrem Notebook oder Tablet, Defizite oder Wissenslücken vorweisen. Darauf könnte dann gezielt reagiert werden, indem das Programm den Lehrplan für den einzelnen Schüler personalisiert. Dies würde die Möglichkeit schaffen, dem betroffenen Schüler mit zusätzlichem, individuell abgestimmtem Lernmaterial zu konfrontieren, damit der Betroffene den Rückstand gegenüber dem Rest der Klasse zeitnah nachholen kann und nicht auf der Strecke bleibt. 

Anfangs müsste dies nicht alles per se eigenständig von der KI ausgehen. Es würde schon ausreichen, wenn eine intelligente, digitale Lernplattform die Lehrkraft darauf hinweist, dass ein Schüler Lerndefizite in einem bestimmten Gebiet aufweist oder Schwierigkeiten dabei hat, eine bestimmte Aufgabenstellung zu verstehen. Die Lehrkraft würde in diesem Falle dann dem Schüler mit zusätzlichen Hausaufgaben Hilfestellung leisten. Der in Präsenz stattfindende Unterricht könnte daher noch viel effizienter genutzt werden, da durch die Verlagerung einiger Aufgabenbereiche der Lehrkraft ins „Digitale“, mehr Zeit frei wird den Lehrplan flexibler zu gestalten. Neue Aspekte könnten somit in Betracht gezogen werden, wenn es an die Gestaltung des Präsenzunterrichts geht. 

Ein auf KI gestützte Lernprogramm könnte dabei helfen, individuelle Stärken der Schüler zu erkennen und womöglich sogar bei einigen Schülern überdurchschnittliche Begabungen in bestimmten Fächern zu erkennen und diese noch stärker zu fördern respektive zusätzliche Förderungen in Betracht zu ziehen. Eine Begründung dafür, warum eine KI Fähigkeiten möglicherweise besser erkennen kann als das Lehrpersonal liefert El-Mafaalani wie folgend: „Roboter oder ein Algorithmus können wahrscheinlich deutlich eher Talente entdecken als eine Lehrkraft“, da, so der Erziehungswissenschaftler, „Lehrkräfte häufig bestimmte Potenziale und Talente bei Kindern nicht erkennen, weil es sich je nach Milieu, nach sozialer Herkunft des Kindes anders ausdrückt.“

Damit solche Systeme effizient arbeiten können, benötigen diese eine große Menge an Daten von den Schülern, und Datenschutz sollte deswegen nicht vernachlässigt werden. Die Persönlichkeitsrechte des einzelnen Schülers dürfen trotz der digitalen Beobachtung seines Lernfortschritt nicht verletzt werden und es sollte abgewogen werden, bei welcher Information es Sinn ergibt, diese an die Lehrkraft weiterzuleiten und wo es andererseits keinen Sinn ergibt, da möglicherweise eine datenschutzrechtliche Grenzen überschritten wird. 

Deswegen sollte in Zukunft der sichere Umgang mit digitalen Medien und die Schulung pädagogischer Kompetenzen in diesem Bereich fester Bestandteil jeder Lehramtsausbildung sein. 

Jede dieser Überlegungen sowie der Einsatz technologischer Neuentwicklungen im Bildungsbereich, welche die Qualität der Lehre für jeden Schüler nachhaltig verbessern könnten, setzen generell Folgendes voraus: Das Bildungssystem muss auf ein Modell hin ausgerichtet werden, in dem das Individuum wieder stärker im Fokus rückt und die Anwendung moderner, digitaler Mittel im Unterricht zur standardisierten Norm wird.

Denn Probleme im Bildungswesen gab es schon vor der Pandemie, Corona macht diese nur deutlich sichtbarer.

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