Warum nicht den Euro an den Bitcoin binden?

von Maximilian Tarrach

Der Bitcoin hat es zu einer respektablen Alternative zu den staatlich ausgegebenen Währungen gebracht. Als ich im Jahr 2009 das erste Mal von Bitcoin hörte, hätte ich mir diese Entwicklung niemals träumen lassen. Auf einem, wie ich heute sagen würde, nicht gerade seriösen Finanzblog las ich damals, dass die EZB in einem ihrer Berichte vor einer neuen unkontrollierbaren digitalen Währung warne, welche die Aktiva der Zentralbank bedrohe und „Bitcoin“ heiße. Das war wirklich ein perfektes Beispiel für Orwellsches Neusprech. Denn was die Zentralbank damit implizit zugab, war, dass die Bürger, sobald sie bemerken würden, dass es für sie vorteilhafter sei, in einer Währung zu sparen, die nicht von einer politischen Institution beliebig inflationiert werden kann, dann alle von der Zentralbank einfach erzeugten Verbindlichkeiten nicht mehr viel wert wären. Das Geldmonopol der Zentralbank wäre implizit ausgehebelt, weil die Bürger bei einer zu hohen Inflation immer in die Alternativwährung wechseln könnten. Natürlich wurde diese Gefahr nicht als eigenes Versagen oder als zu begrüßende Restriktion zu expansiver Geldpolitik gesehen, sondern als Bedrohung eines absurden Projekts anarchistischer Hacker. 

Der damalige Blogger, dem ich folgte, bejubelte den Aufstieg des Bitcoin von einem Wert von wenigen Dollarcent zu einem Kurs von 1 Dollar 50. Heute wissen wir, dass ich damals anstatt über die Vor- und Nachteile dieses Konzepts zu grübeln, lieber so viel wie möglich von diesen Bitcoins hätte kaufen sollen. Aber ich tat es natürlich nicht. Denker sind selten gute Spekulanten.

So nahm der Bitcoin mit vielen Spekulationswellen, mit vielen neuen Hochs und Tiefs seinen Aufstieg. Auch heute, 11 Jahre später, 8000 Dollar höher und viele Millarden Marktkapitalisierung später, ist der Bitcoin freilich immer noch weit davon entfernt, eine im Alltag verwendete Alternativwährung zu sein. Warum also sollte der Bitcoin unsere Währungsprobleme lösen und überhaupt in der Währungsarchitektur dieser Welt eine Rolle spielen? Weil er ein politisches und tief verzwacktes ökonomisches Problem löst. 

Ich schlage vor, dass wir statt zu versuchen, den Euro aus sich selbst heraus zu stabilisieren, ihn einfach an den Bitcoin binden. Wir sollten einen Kernbitcoinstandard begründen. Der Euro wäre dann nichts anderes als ein Bitcoin-Derivat. Jeder Bürger könnte jederzeit seine Euros zu einem fixen Wechselkurs in Bitcoins tauschen und umgekehrt. Von diesem Zeitpunkt an könnte man den Euro nicht mehr ausweiten, nicht mehr beliebig neue Euros drucken. Denn die Zentralbank könnte nur dann neue Euros schaffen, wenn sie neue Bitcoins dafür ankauft. Da diese begrenzt sind, ist dieser Möglichkeit, zumindest technisch, ein unüberwindlicher Riegel vorgeschoben. Es wäre ein digitaler Goldstandard. Dies würde auch allen Kritikern das Argument von der Zunge nehmen, der Bitcoin verbrauche bei jeder Transaktion zu viel Energie, denn die Bitcoins brauchten gar nicht umzulaufen, sondern sie lägen sicher verwahrt auf einem EZB-Konto. 

Es wäre insgesamt dann nur konsequent, das Privileg der Banken, den Bürgern ein Zugangskonto zum Währungsverkehr zu bieten, aufzulösen und jedem Bürger die Möglichkeit zu geben, ein Euro-Konto direkt bei der Zentralbank zu eröffnen. Selbstverständlich sollte es jedem Bürger weiterhin offen stehen, selbst Bitcoin zu erwerben und diese auf dem freien Markt in Euro umzutauschen. Aber die Konten bei der EZB trügen eben kein Emittentenrisiko. Die Gefahr des Zusammenbruchs unseres Zahlungsverkehrs aufgrund einer Bankenkrise (wie 2008/2009) wäre für immer gebannt.

Darüber hinaus wäre aber auch die Zinspolitik der EZB auf einen Schlag beendet. Die Zinsen bildeten sich wieder einzig und allein auf dem Markt, nach Angebot und Nachfrage. Das Privileg der Staatsanleihen als Sicherheiten für die Kredite der Banken müsste fallen. Nur noch Bitcoins würden als Sicherheiten bei der EZB als Austausch für Euros akzeptiert. Die Staaten müssten sich auf dem Finanzmarkt mit Liquidität versorgen, was bedeutet, dass sie um das Geld der Anlegern werben müssen, wenn ihre Steuereinnahmen nicht ausreichen. Die Zinsen könnten sie nicht nach unten korrigieren, wie das heute geschieht. Sie müssten die Zinsen zahlen, zu denen die Bürger bereit sind, dem Staat ihr hart erspartes Geld zu leihen. 

Auch die Banken könnten nicht mehr vergünstigte Zentralbankkredite erhalten. Sie könnten nur noch jenes Geld weiterverleihen, das ihnen die Einleger zur Verfügung stellen.

Die Zentralbank würde in diesem Modell ihre Politik des Lenders of last Ressort, des letzten Gläubigers aller Schulden, aufgeben. Die Banken müssten, wenn sie Kredite vergeben, selbst für ihre Fehler haften. Das Geld, das Anleger bei einer Bank einzahlen, ist nicht sicher. Es unterliegt dem Emittentenrisiko. Es ist ein Anspruch auf Geld, nicht das Geld selbst. Einleger wüssten das, würden in den AGBs darüber belehrt und hätten keinen Anspruch von der Zentralbank oder ihrer Regierung, im Falle eines Bankrottes der Bank, ihr Geld von den Steuerzahlern zurückerstattet zu bekommen. Wer kein Risiko mit seinen Ersparnissen eingehen möchte, kann ja das EZB-Konto benutzen. 

Aber was ist mit Griechenland, Spanien und Italien? 

Was wäre aber in einem solchen Modell mit den Krisenstaaten des Euro? Als das zentrale Problem dieser drei Wirtschaftsräume wird die fehlende Wettbewerbsfähigkeit, die zu hohe Verschuldung und die Unfähigkeit von Preisen und Löhnen, sich im Euro genügend stark zu korrigieren, bezeichnet. Dieses Problem bestünde nach einer Bitcoinbindung natürlich in einer noch stärkeren Form. Müssten diese Länder deshalb aus dem Euro austreten?

Nicht unbedingt, bzw. nicht für sehr lange Zeit. Denn machen wir uns klar, was es heißt, dass Griechenland nur dann „abwerten“ könnte, wie es so schön heißt, wenn es die Drachme wieder hätte. Das bedeutet, dass ein Hotelangestellter in Athen, der heute 10€ die Stunde erhält, dann nur noch 100 Drachmen bekommt und damit real vielleicht nur noch 3€ die Stunde verdient. Auf dem Papier sehen 100 Drachmen aber besser aus als 3€. Außerdem werden auch alle Preise, dass heißt alle Konsumgüter für den Angestellten in Drachme real weniger wert. Für den Angestellten ändert sich an seiner realen Kaufkraft in Griechenland wenig. Für das Ausland wäre Griechenland jetzt spottbillig. Investitionen, Tourismus und Handel könnten wieder florieren. 

Aber nachdem diese Abwertung geschehen ist, gäbe es auch für Griechenland keinen Grund mehr, die laxe Geldpolitik fortzuführen. Auch die Drachme wäre dann besser beraten, sich an den Bitcoin zu binden. Sie stünde damit wieder in einem festen Verhältnis zum Euro und könnte kurze Zeit später sogar wieder abgeschafft werden. Natürlich kann es notwendig werden, den griechischen Staat zu entschulden. Dies kann aber auch ohne eine hohe Inflation geschehen. Ein geordnetes Insolvenzverfahren für Staaten wird seit Jahren von Experten diskutiert. Die EU sollte es einführen und den Gläubigern von Griechenland das Recht geben, es zu eröffnen, wenn sie Griechenland nach dem Ende der Euro-Rettungspakete für zahlungsunfähig halten. Was natürlich sehr realistisch ist. Dann könnte Griechenland mit seinen Gläubigern verhandeln, einen Schuldenschnitt machen und neu beginnen. Auch Italien, Spanien und möglicherweise Portugal und Irland müssten denselben Weg gehen. 

Nach einer Entschuldung, einer Abwertung und einer festen Bindung der Währung an den Bitcoin stünde einer stabilen Wirtschaftsordnung in diesen Ländern nichts mehr im Weg. Natürlich müssen diese Länder noch viele Reformen machen. Aber eines der größten Korruptions- und Verschwendungstreiber, nämlich Inflation und Verschuldung des Staates, gehörten der Geschichte an. 

Auch wenn dieses Szenario zum heutigen Zeitpunkt vollkommen illusorisch erscheint, schlage ich es hier vor. Es soll den Horizont weiten, über den Tellerrand der eingefahrenen Tagespolitik hinauszublicken. Wir könnten jederzeit zu einer langfristig stabilen Währungsordnung zurückkehren. Wir müssten nur von den süßen Versuchungen, über unsere Verhältnisse zu leben, ablassen.

Der Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors: Philosophische Auszeit.

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