„Der Markt regelt das (nicht)!“

von Max Molden

Wahlweise dem Markt oder dem Staat wird gerne die Fähigkeit zugesprochen, Dinge zu regeln oder aber Dinge nicht regeln zu können. Sind die Preise für ein Produkt horrend, dann wird der Markt das schon regeln, so die einen. Leiden wir unter der nächsten Finanz- oder gar Weltwirtschaftskrise, dann zeigt sich, ‚dass der Markt eben nichts regelt‘, so die anderen.

Ob man den Markt nun als mächtig oder nicht, den Staat als fähig oder nicht beschreibt –, das grobschlächtige, aber weit verbreitete Gerede von ‚Markt‘ und ‚Staat‘ ist ungenau bis hin zu irreführend. Und das ist problematisch. Ein kürzlich publizierter Artikel über eine bald erscheinende Studie der österreichischen Forscherinnen Greimel-Fuhrmann und Szoncsitz, streut weiter Salz in die Wunde der ökonomischen Ignoranz. In der Studie zeigen die Autorinnen, dass Schülerinnen und Schüler in Österreich kaum etwas über die Wirtschaft wissen. Einige Kinder glauben gar, so der Artikel, der Staat lege fest, wer wie viel verdient und bestimme Import und Export. Wer aber nun urteilen will, ob der Staat oder der Markt etwas regeln soll, muss zuerst einmal wissen, was mit diesen unhandlichen Begriffen gemeint ist. Das wissen viele aber gerade nicht.

Was ist nun der Markt? Der Markt ist in jedem Falle keine mystische Entität, die auf magische Art und Weise bewirkt, dass Angebot und Nachfrage einander gleichen. Der Markt ist aber auch mehr als das plastische Bild eines Handelsplatzes, an dem Menschen zusammenkommen und tauschen. Diese bildhafte Vorstellung vereinfacht und verfälscht. 

Was mit dem unhandlichen Begriff ‚Markt‘ beschrieben wird, ist vielmehr ein Prozess der steten Anpassung der individuellen Handlungen der Menschen an sich ändernde Umstände. In diesem Prozess entstehen, gegeben günstige Institutionen, Preise, welche wiederum Signale an die Menschen senden, wie sie in Zukunft zu handeln haben. Sie zeigen, wie sie sich anpassen müssen, um den Bedürfnissen ihrer Mitmenschen in Einklang mit den Gegebenheiten der Welt zu entsprechen. Der Marktprozess ist somit ein Prozess der Koordinierung der unterschiedlichen Pläne aller Individuen, aber er ist zurückzuführen auf die Handlungen Einzelner. Es gibt kein mysteriöses Wesen mit Namen Markt, das Dinge regelt.

Der Markt regelt also nicht. Das tut er nie. Es sind immer Individuen, die ‚regeln‘. Das gilt auch trotz dessen, dass die Marktsignale als Unterstützung der Koordinierung der Menschen essentiell sind. Aber nur derjenige, der eine Profitmöglichkeit entdeckt und entsprechend agiert, koordiniert die Pläne der Individuen. Keine mystische Entität tut dies. Sagt man also, der Markt werde das schon regeln, dann meint man eigentlich: Ich bin mir sicher, dass es zumindest eine Person gibt, die mithilfe der Marktphänomene wie dem Preis erkennt, dass es hier eine fehlende Koordinierung gibt und die diesen Mangel dann beheben wird. Wer an den sogenannten Markt glaubt, glaubt also vielmehr an die Anpassungsfähigkeit unbestimmter Individuen sowie Institutionen, die diese Fähigkeit zur Koordination unterstützen und lenken. Zu diesen Institutionen zählt vor allem das Privateigentum, aber auch das Vertrags- und Strafrecht. Erst durch Privateigentum an den Produktionsmitteln entstehen Preise für Produktionsgüter und ist Wirtschaftsrechnung bzw. effektive Wissensübermittlung möglich. Und erst dann, wenn Individuen selbstverantwortlich sind und die Aussicht auf Profit genießen, aber auch das disziplinierende Risiko des Verlusts vor Augen haben, wird der Marktprozess effizient wirken.

Auch der Staat besteht aus Individuen und ist kein reales Wesen, das handelt. Nichtsdestotrotz ist es hier noch angemessener, von ‚dem‘ Staat zu sprechen. Denn er ist eine bestimmte, kleine Gruppe von Menschen, die mit Sonderrechten ausgestattet ist. So besitzt ‚der Staat‘ das Gewaltmonopol in einem Territorium und kann durch Androhung und Anwendung von Gewalt Menschen seinen Willen aufzwingen. Natürlich sind es letztlich Individuen, die dieses Gewaltmonopol verwenden, direkt oder indirekt. Aber davon zu sprechen, der Staat würde etwas regeln, ergibt noch Sinn. Denn der Staat ist eine, wenn auch möglicherweise nicht völlig klar und eindeutig abgrenzbare, Einheit, die aus verschiedenen Personengruppen besteht und besondere Rechte genießt mit dem Ziel, in einem bestimmten Territorium eine Ordnung aufrechtzuerhalten. In diesem Sinne können Individuen im Namen des Staates handeln. Und daher ist es verständlich, wenn gefordert wird, der Staat solle etwas regeln. Beim Markt ist das eben nicht der Fall – keiner handelt als Organ des Marktes.

Ob Staat oder Markt – in beiden Fällen sind es letztlich also Individuen, die handeln. Und die Forderung nach dem Staat als Problemlöser ist eine Forderung danach, dass einzelne Individuen als Akteure des Staates mittels Zwangs bzw. der Anwendung/Androhung von Gewalt ein bestimmtes Ziel erreichen sollen. Das ist legitim – man denke an die innere und äußere Sicherheit. Wer demgegenüber seine Hoffnung in den Markt als Regler setzt, der setzt sie in unbestimmte Individuen, die ohne besondere Macht die notwendigen Anpassungen im freien Zusammenspiel mit den anderen Individuen bewirken sollen. Es ist somit ein gewisses Vertrauen in einen unbekannten Menschen, das hat, wer sich für den Markt ausspricht. Aber während die Forderung nach dem Staat, der etwas regeln soll, noch einigermaßen aussagekräftig ist, führt der Ausspruch, der Markt solle und werde etwas regeln, in die Irre. Der Markt ist kein reales Wesen, ihn als solches darzustellen ist eine missverständliche Vermenschlichung. Er ist das Resultat der Handlungen von Individuen. Nicht der Markt regelt, sondern die Menschen.

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