Ein Manifest der Liberalismus-Kritik

von Vincent Czyrnik

Liberalismus war noch nie wirklich beliebt. Doch mangelt es Kritikern des Liberalismus häufig an fundierter Kritik. Sie schimpfen, meckern und machen Schuldzuweisungen, aber häufig sind ihre Lösungen bestenfalls naiv.

Zu Anfang der Industrialisierung schimpfte man auf die Verfechter des Laissez-faire: Die dickbäuchigen Fabrikbesitzer konnten Männer, Frauen und sogar Kinder gewissenlos ausbeuten und unersättlich nach Reichtum streben. Erst das Eingreifen des Staates machte diesem Elend angeblich ein Ende: Kinderarbeit wurde verboten, Gewerkschaften wurden dank Schutz des Staates nicht weiter von Unternehmern zerschlagen und Arbeiter kamen nach und nach in den Genuss von Tariflöhnen.

Tatsächlich wäre ohne Liberalismus und der damit einhergehenden Freiheit des Wirtschaftens niemals Armut und Kinderarbeit zu so einem großen Maße bekämpft wurden. Auf den Äckern der vorindustriellen Zeit gab es nämlich keine Vier-Tage-Woche und die Kinder genossen keine humanitäre Erziehung; tatsächlich rackerten sie sich teilweise sechs Tage pro Woche mit auf den Äckern ab – in Ganztagsschichten.  Erst das verteufelte Wirtschaftswachstum gab den Menschen eine Chance, dem Elend zu entkommen.

Aber die Vorwürfe an den Liberalismus gehen weiter: Heute setzt die neureiche Enkelin ihr Wahlkreuz bei den gelben Liberalen, weil sich die FDP für Liberalismus oder – noch schlimmer – sich für den bitterbösen Neo-Liberalismus einsetzt und die Millionärserbin dadurch keine Erbschaftsteuer oder andere Abgaben befürchten muss. Dank des Liberalismus könne sie nun weiter „das Geld für sie arbeiten lassen“ – Papa, Opa oder gar Ur-Opa hatten das Geld „erwirtschaftet“, was natürlich bedeuten soll, dass sie ihre Arbeiter dafür ausbeuten mussten.

Im Liberalismus wird nur derjenige reich, der für andere Wert stiftet. Das – für Liberalismus-Kritiker – fatale: Hier zählt die subjektive Werttheorie. Das bedeutet, dass Wert daran bemessen wird, wie viel Konsumenten davon profitieren. Jeff Bezos ist der zweitreichste Mensch der Welt, weil fast jeder schon mal bei Amazon bestellt hat. Damit hat er bei fast jedem Menschen subjektiven Wert geschaffen. Es spielt also nicht nur eine Rolle, wie viel Zeit, Mühe und vor allem Zeit in ein Produkt investiert wird, sondern vor allem wie gefragt dieses Produkt ist und wie knapp es auf dieser Welt vorhanden ist. Du kannst jahrelang damit verbringen, ein Startup zu gründen, Produktionsketten zu schaffen und die optimale Produktionsart austüfteln. Wenn du dann feststellst, dass dein Produkt schon im Überfluss vorhanden ist es niemand mehr braucht, dann wirst du in einer Marktwirtschaft damit kein Geld verdienen. 

Man kann zudem darüber diskutieren, ob es gerecht ist, dass die Tochter das Erbe der Eltern erhält. Aber warum sollte es gerecht sein, wenn jemand anderes dieses Erbe erhält? Schließlich haben andere dafür auch nichts geleistet. Das Gute: Die reiche Millionärserbin wird auch bei hohem Erbe nicht ewig reich bleiben, wenn sie nicht weiter subjektiven Wert schafft. Auch wenn sie “ihr Geld für sich arbeiten lässt”, so verleiht sie anderen Unternehmern ihr Geld, welche ihre Produkte erfolgreich an Frau und Mann bringen müssen. Gelingt den Unternehmern das nicht, so geht ihr Unternehmen pleite. Die reiche Millionärserbin hat in diesem Fall die falsche Investitionsentscheidung getroffen und ist ihr Geld los. 

Selbst der größte Kritiker des Liberalismus wird unter nervösem Augenzucken zugeben: Na gut, ein bisschen „Wohlstand für alle“ war mit wirtschaftlicher Freiheit im Liberalismus schon drin. So lebt eine Rekordzahl an Menschen auf der Erde und zugleich nagten nie weniger Menschen prozentual am Hungertuch. Ist ja nicht alles schlecht. Oder doch? Dieser „Wohlstand für alle“ kann ja nicht aus dem nichts entstehen: Wenn er gerade mal nicht auf Kosten der Ärmsten geht, dann aber auf Kosten der Umwelt.

Auch das stimmt wieder nur halb. Sicher werden für unseren Konsum Ressourcen genutzt – und das aktuell auch mehr, als für unsere Erde gut ist. Aber Wohlstand geht nicht zwangsläufig mit Ressourcenverschwendung einher. Das Gegenteil ist der Fall: Der Preismechanismus im Liberalismus sorgt dafür, dass die Preise nach oben gehen, sobald etwas knapp wird. Würden die Ölvorräte kurz vor dem Ende stehen, so würden auch die Preise nach oben schießen.

Sicher funktioniert das nicht bei allem so. Auch hier kann man wieder diskutieren, ob und wo Institutionen gebraucht werden, um Natur und Menschen vor den ungezügelten Marktkräften zu schützen. Doch Versuche, den Preismechanimus komplett abzuschaffen, endeten im Fiasko – wie zahlreiche sozialistische Experimente bewiesen haben.

Doch manche meinen, dass Konsum immer mit einem Übel einhergehen muss: Wenn ich im Café meinen Latte Macchiato schlürfe, so wurden bestimmt irgendwie dafür Kinder ausgebeutet, irgendwo die Umwelt zerstört und irgendein Kapitalist streicht die Profite ein. Wenn Liberalismus-Kritiker differenziert darauf blicken würden, dann kämen sie zu dem Schluss: Ja, irgendjemand macht damit Profit; ja, den Profit streichen teilweise die Arbeiter selbst in Form von Lohn ein; nein, es wurden dafür keine Kinder ausgebeutet, sondern ihre Bildung wird mit dem Profit finanziert; und auch der Natur geht es noch gut. 

Mit jedem Atemzug verbrauchen wir Ressourcen, für jede unserer Mahlzeit und die primitivste Unterhaltung wie Handyspiele hat jemand gearbeitet. Doch besteht unsere Welt aus globalen Interdependenzen: So entsteht Leben, so entsteht Wohlstand. Manche Kritik am Liberalismus ist eine Kritik am Leben selbst.

Dieser Artikel erschien zuerst im Print-Magazin. Er spiegelt die Meinung des Autors, nicht notwendigerweise jene der Organisation wider. Dieser Blog bietet die Plattform für unterschiedliche liberale Ideen. Du möchtest auch einen Artikel beisteuern? Schreib uns einfach eine Mail: redaktion@derfreydenker.de!

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